Mit 21 Jahren träumen viele von den großen Abenteuern. Während Gleichaltrige die Welt entdecken, haben Lene und Clara Schellbach sich für die Landwirtschaft, Verantwortung und den elterlichen Hof entschieden. Zwischen Gerste, Weizen und Raps schreiben zwei junge Frauen die Geschichte ihres Familienhofs in Ströbeck weiter – aus Überzeugung, nicht aus Pflichtgefühl.
Der Motor dröhnt über das Feld, irgendwo zwischen Halberstadt und Ströbeck an der B79, während der Traktor Bahn für Bahn den Dünger ausbringt. Am Steuer sitzt Clara, 21 Jahre alt, den Blick fest nach vorn gerichtet, ruhig, konzentriert. Ihre Zwillingsschwester Lene wartet derweil im anderen Traktor, der den Hänger mit dem Düngemittel zum Feld gebracht hat. Knapp 30 Minuten braucht es, bis der Heck-Düngerstreuer wieder aufgefüllt werden muss. Die beiden stimmen sich kaum sichtbar aufeinander ab – ein kurzer Blick, eine kleine Bewegung, mehr braucht es nicht. Das Befüllen des Düngerstreuers erfordert mitunter Kraft. Wo die der beiden jungen Frauen nicht ausreicht, hilft ein Zehn-Pfund-Hammer.
Wer hier steht und zusieht, merkt schnell: Das ist keine Inszenierung. Das ist Alltag. Und zwar einer, den sich die beiden ganz bewusst ausgesucht haben. Denn während viele Gleichaltrige nach dem Abitur ihre Koffer packen, hinausziehen in die Welt, nach Australien, England oder wenigstens Berlin, sind Lene und Clara Schellbach geblieben. Im Schachdorf Ströbeck, in dem sie aufgewachsen sind. Auf dem Hof ihrer Eltern. Auf den Feldern, die sie seit Kindertagen kennen.
Clara (links) Schellbach und ihre Zwillingsschwester Lene bewerten die Entwicklung und das Wurzelwachstum der Getreidepflanzen. Foto: Mathias Kasuptke/Ideengut
„Wir sind damit groß geworden“, sagen sie. Ein einfacher Satz, der viel erklärt – aber längst nicht alles. Denn geblieben sind sie nicht, weil sie mussten. Im Gegenteil. Ihre Eltern Ina und Eckhard Schellbach-Will haben ihnen alle Wege offengehalten. „Wir hätten sie in allem unterstützt“, sagt Ina Schellbach. „Auch dann, wenn die beiden gesagt hätten: Wir wollen raus, die Welt sehen, etwas ganz anderes machen. Ich hätte das total verstanden.“ Es klingt ehrlich, nicht wie ein nachträgliches Beschwichtigen. Vielleicht ist es genau diese Freiheit gewesen, die den Weg der beiden so klar gemacht hat.
Lene und Clara haben sich entschieden. Für die Landwirtschaft. Für den Hof. Für ein Leben, das viel Verantwortung bedeutet, aber auch Erfüllung. Dass sie diese Entscheidung getroffen haben, ist bemerkenswert. Denn bundesweit sinkt die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe: Heute gibt es nur noch rund 255.000, Tendenz fallend. Vor zehn Jahren waren es knapp 290.000. Vor allem kleine Bauernhöfe geben auf.
In Sachsen-Anhalt sind die Zahlen überschaubar: Hier bewirtschaften knapp 4.150 Betriebe die Felder – im Schnitt fast 280 Hektar pro Hof. Nachwuchs zu finden, wird vielerorts zur Herausforderung. Auch weil die Landwirtschaft vor immer größeren Herausforderungen steht. Der wirtschaftliche Druck nimmt aufgrund steigender Fix- und Betriebskosten und zunehmender Regulierungen der Politik zu. Auch die Folgen des Klimawandels stimmen nicht gerade zuversichtlich. „Landwirtschaft lässt sich heute nur noch mit Leidenschaft betreiben. Dann findet man auch für all die Probleme immer wieder einen Lösung“, sagt Eckhard Schellbach-Will. Frauen sind in der Branche noch immer in der Minderheit: Nur etwa ein Drittel der Beschäftigten ist weiblich, und gerade einmal jeder zehnte Hof wird von einer Frau geführt. Auch bei der Hofnachfolge dominieren Männer deutlich – in Sachsen-Anhalt liegt der Anteil junger Frauen, die einen Betrieb übernehmen, bei nicht einmal einem Viertel. Dass gleich zwei junge Frauen aus einer Familie diesen Weg gehen – und das mit herausragenden Abschlüssen und aus eigener Überzeugung – ist deshalb mehr als eine persönliche Geschichte. Es ist ein Gegenentwurf zu einem Trend.
Diese Entscheidung ist kein leiser Kompromiss, sondern eine, die sie mit Überzeugung tragen. Das spürt man, wenn man sie bei der Arbeit begleitet. Beim Düngen der Felder, beim Manövrieren der großen Maschinen, beim präzisen Arbeiten auf den weiten Flächen rund um den Ort. Die Traktoren, die sie fahren, sind technisch anspruchsvoll, voll digitalisiert. Hier sitzt jeder Handgriff.
Dass sie als junge Frauen in der Landwirtschaft arbeiten, scheint für sie kein Thema zu sein. Sie wirken nicht, als wollten sie etwas beweisen. Sie tun einfach, was sie können – und das auf höchstem Niveau. Nach dem Abitur am Gymnasium Martineum begannen beide kein Studium, sondern machten eine Ausbildung mit überragenden Abschlüssen.
Landwirtschaft lässt sich heute nur noch mit Leidenschaft betreiben.
Lene absolvierte eine Ausbildung zur Pflanzentechnologin – und wurde bundesweit Beste ihres Jahrgangs. Inzwischen studiert sie Agrarwissenschaften an der Uni Göttingen, erweitert ihr Wissen, bringt neue Ideen mit zurück nach Ströbeck. Clara schloss die Ausbildung zur Landwirtin als Beste ihres Jahrgangs in Sachsen-Anhalt ab. Anschließend wechselte sie an die renomierte Michelsen-Fachschule in Hildesheim.
Zwei junge Frauen, zwei starke Lebensläufe – und doch ein gemeinsames Ziel: zurück auf den Hof. Der Hof der Familie Schellbach ist mehr als ein Betrieb. Er ist ein Stück gelebte Geschichte. Seit fünf Generationen bewirtschaftet die Familie Äcker rund um Ströbeck. Rund 600 Hektar beackern die Schellbachs heute, auf denen vor allem Getreide, Raps und Zuckerrüben wachsen. Der Hof selbst, mit seinem Wohnhaus aus dem 19. Jahrhundert, erzählt von Beständigkeit – und von Brüchen.
Denn die Geschichte verlief nicht ohne Einschnitte. In den 1950er Jahren verließen die Großeltern von Lene und Clara den Ort, weil sie sich der Kollektivierung in der DDR nicht unterordnen wollten. Erst nach der Wende kehrten sie zurück. 1991 begannen sie als Wiedereinrichter noch einmal von vorn – mit Mut, Risiko, viel Arbeit und der Unterstützung von Tochter Ina und deren späterem Mann Eckhard. Was heute gewachsen wirkt, musste neu aufgebaut werden.
Der Hof befand sich in einem trostlosen Zustand. Zu DDR-Zeiten wurde nichts in den Erhalt der Gebäude und Stallungen investiert, stattdessen auf Verschleiß gewirtschaftet. Dennoch war die Rückübertragung ein schier endloser Kampf mit den Behörden. „Wir kamen mit einem Eimer voller Werkzeuge und haben von vorne angefangen“, erzählt Ina Schellbach von der Rückkehr ihrer Eltern auf den Hof.
Vielleicht ist es auch dieses Wissen, das Lene und Clara prägt. Dass nichts selbstverständlich ist. Dass ein Hof mehr ist als Land und Maschinen. Und dass Stolz manchmal ganz leise beginnt – und dann doch überwältigend wird.
Eine Geschichte, die die beiden erzählen, bringt das besonders nah. Vor ein paar Jahren fuhren sie gemeinsam durchs Dorf – jede auf einem Traktor hinter ihrem Vater, der im Mähdrescher saß. „Da sind Papa schon die Tränen gekommen“, erinnert sich Lene. „Vor Stolz, dass seine Mädels mit ihm aufs Feld fahren.“ Eckhard Schellbach-Will lächelt bei der Erinnerung an diesen Moment und gibt unumwunden zu: „Da wäre beinah die Kabine vom Mähdrescher geplatzt, so stolz war ich.“ Tränen der Rührung steigen ihm in die Augen – und man versteht, dass es hier um mehr geht als um einen Beruf.
Heute sind es nicht mehr nur die Fahrten durchs Dorf, die diesen Stolz ausmachen. Es sind die Leistungen der beiden, ihre Entscheidungen, ihre Klarheit und die Gewissheit, dass der Hof eine Zukunft hat. Lene und Clara sehen diese Zukunft hier. In Ströbeck. In der Freiwilligen Feuerwehr. Im Gemeindekirchenrat. Zwischen den Feldern, die sich je nach Jahreszeit verändern. Zwischen Saat und Ernte, zwischen Tradition und neuen Ideen. Ihre Wege führen sie hinaus – in Hörsäle, in andere Betriebe, in neue Erfahrungen. Aber sie führen immer wieder zurück.
Während der Traktor weiter seine Bahnen zieht und die Sonne langsam tiefer über den Feldern steht, wird klar: Diese Geschichte handelt nicht vom Verpassen. Sie handelt davon, seinen eigenen Weg zu kennen. Und manchmal führt der eben nicht in die Ferne – sondern genau dorthin, wo man herkommt.