Martini - das optimistische Halberstadt-Magazin

Wo die Stille wohnt

Das ehemalige Ferienlager in den Spiegelsbergen ist heute ein Ort der Stille: Das neu eröffnete Sarana Dhamma Zentrum zieht Menschen an, die Rückzug suchen, meditieren und der Lehre des Buddha näherkommen wollen. Getragen wird es von einem Verein.

 

Für Ayya Mudita schließt sich ein Kreis. Die Halberstädterin fand in den 1990er Jahren zum Buddhismus und entschloss sich, Beruf und Wohnung aufzugeben, um in ein Kloster im Allgäu zu ziehen. Ihre Ausbildung führte sie nach Sri Lanka, Indien, Taiwan und Thailand. Seit 2000 lebt sie als buddhistische Nonne. Vor einigen Jahren kehrte sie zurück in ihre Heimatstadt, und nun leitet sie ausgerechnet hier ein Zentrum, von dem viele in ihrem Umfeld lange geträumt haben. „Für das, was wir machen, ist dieses Haus ideal“, sagt Ayya Mudita und blickt aus dem Fenster. Draußen erstreckt sich ein großer Garten, eine riesige Wiese mit altem Baumbestand. Hier gibt es nichts zu hören außer das Gezwitscher der Vögel. Diese Stille ist kein Zufall, sie ist Teil des Konzepts.

„Menschen brauchen Orte, an denen sie sich zurückziehen können“, sagt Ayya Mudita. „Sie brauchen einen Ort, der nicht dieselben Anforderungen an sie stellt wie das tägliche Leben.“ Der Rückzug beginne nicht erst in der Meditation. Er beginnt mit dem Abstand zu Verpflichtungen, Terminen und ständiger Erreichbarkeit. Das Gelände in den Spiegelsbergen bietet dafür beste Voraussetzungen. Wer hier ankommt, lässt die Stadt hinter sich.  Dabei versteht sich das Zentrum keineswegs als abgeschottete Welt. Vielmehr ist es Heimat eines buddhistischen Freundeskreises, der hier regelmäßig zusammenkommt. Sie stammen aus  ganz unterschiedlichen Lebenswelten: Manche arbeiten im sozialen oder medizinischen Bereich, andere in technischen Berufen, wieder andere sind Rentner oder Selbstständige. Die Jüngsten gehen noch zur Schule. Was sie verbindet, ist das Interesse an Meditation, persönlicher Entwicklung und der Lehre des Buddha.

„Hier treffen Menschen zusammen, die ähnliche Interessen haben und sich auf ihrem Weg gegenseitig unterstützen“, sagt die Nonne. Viele kennen sich seit Jahren. Schon bevor es das Zentrum in Halberstadt gab, organisierte der Verein Sarana Dhamma Treffpunkt e.V. Studien- und Meditationsveranstaltungen. Zuletzt befand sich ihr Domizil in Magdeburg. Für mehrtägige Retreats mietete man Seminarhäuser. 

Der Wunsch nach einem eigenen Ort begleitete die Gemeinschaft schon länger. Im November 2024 konnte der Verein schließlich erstmals das Haus in den Spiegelsbergen besichtigen. Die damalige Eigentümerin wollte das Anwesen am Lindenberg, das zu DDR-Zeiten Ferienlager und nach der Wende Wohnhaus war, aus Altersgründen verkaufen. „Durch großzügige Spenden aus dem Kreis praktizierender Buddhisten kamen alle Bedingungen zusammen, die es uns ermöglichen, hier unser Zentrum einzurichten“, sagt Ayya Mudita. „Wir sind sehr froh darüber. Ich bin jeden Tag aufs Neue beeindruckt.“

In den vergangenen Monaten wurde renoviert, umgebaut und eingerichtet, der Garten von Wildwuchs befreit und neu gestaltet. Die Architektin Ursula Hülsdell betreute das Projekt, Firmen aus der Region setzten die Maßnahmen um. Die Helferinnen und Helfer aus dem Freundeskreis, die zu gemeinsamen Einsätzen anreisten, schliefen auf Isomatten und Luftmatratzen. „Parallel zum Umbau haben wir schon mit ersten Veranstaltungen begonnen und gemeinsam meditiert“, sagt Ayya Mudita. 

Im November 2025 konnte der Verein einziehen – und auch sie selbst. Die 64-Jährige lebt im neuen Zentrum, gibt hier Einführungskurse, bei mehrtägigen Veranstaltungen hält sie Vorträge, führt Gespräche, begleitet Menschen in ihrer Praxis und vermittelt die Lehre des Buddha. 

Außer ihrem eigen kleinen Bereich gibt es 14 Zimmer mit insgesamt 25 Betten, eine Meditationshalle und Gemeinschaftsräume. Betritt man das Haus, fällt zuerst auf, was fehlt: Lärm und Hektik. Die Schuhe werden an der Tür ausgezogen, die helle Auslegware nur auf Strümpfen betreten. Die Räume sind schlicht eingerichtet, aufs Wesentliche reduziert. Möbel aus Buchenholz, viel Licht und der Blick ins Grüne prägen das Bild. 

„Menschen brauchen Orte, an denen sie sich zurückziehen können.“

Ayya Muditas Lieblingsort ist die Meditationshalle, das Herzstück des Hauses. Auf Bodenkissen sitzen oder knien hier die Teilnehmer der Veranstaltungen – und manchmal auch nur sie selbst. Schon bald wird eine Buddha-Statue auf dem Altar ihren Platz finden, die derzeit per Schiff von Thailand nach Deutschland reist. Gegossen wurde sie mit wenigen anderen Statuen in einer sechsstündigen Zeremonie, der 3000 Menschen beiwohnten, in einem Kloster. „Mein Lehrer, ein thailändischer Mönch, hat die Zeremonie geleitet. Dass unser kleines Zentrum in Deutschland diese Buddha-Statue bekommt, ist außergewöhnlich. Es beflügelt“, freut sie sich.

Ihre Freude darüber können vor allem Menschen nachvollziehen, die sich dem Buddhismus intensiv verbunden fühlen, doch das Zentrum steht auch jenen offen, die einfach neugierig sind. „Niemand muss Buddhist sein, um hierher zu kommen“, sagt sie. Neue Teilnehmer werden meist auf die Veranstaltungen aufmerksam, weil sie an konkreten Themen interessiert sind. „Das kann das Meditieren sein, das man trainieren möchte, oder es sind Themen wie Mitgefühl, Achtsamkeit oder der Umgang mit Krisen. Wieder andere sind philosophisch interessiert, manche suchen nach Orientierung oder möchten ihrem Leben eine tiefere Richtung geben. Die Zugänge sind sehr verschieden.“

Um auch Anfänger mitzunehmen, macht das Zentrum bewusst niederschwellige Angebote. Es gibt Einführungskurse für Menschen ohne Vorkenntnisse, die hier aus der Region kommen,  Studientage mit Vorträgen und Gesprächen sowie Online-Veranstaltungen für Interessierte aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Daneben finden für Anfänger und Fortgeschrittene mehrtägige Retreats statt, die man größtenteils schweigend verbringt. Für Außenstehende mag das ungewöhnlich klingen. Ayya Mudita erlebt jedoch immer wieder, dass gerade das Schweigen vielen Menschen leichter fällt, als sie vermutet haben. „Die meisten merken nach kurzer Zeit, dass Schweigen keine Einschränkung ist, sondern eine Unterstützung“, sagt sie.

Das Wort „Retreat“ bedeutet Rückzug, doch es gehe nicht darum, dem Alltag dauerhaft zu entfliehen. Vielmehr soll der Geist zur Ruhe kommen und Klarheit gewinnen. Wesentlich dafür sei die Meditation. Sie werde heute oft als Entspannungstechnik verstanden, im buddhistischen Verständnis gehe es jedoch um mehr, erklärt die Nonne: „Der Hauptgrund für Meditation ist Einsicht. Es geht um Wachheit und Klarheit, um einen stabilen Geist, der es einem ermöglicht, tiefer einzusteigen in die Zusammenhänge des Lebens. Die Beruhigung, die man spürt, ist ein Nebeneffekt.“

Wer im Haus übernachtet, befolgt Regeln, die auch in buddhistischen Klöstern gelten. Man verhält sich rücksichtsvoll, bedeckt den Körper, trägt locker sitzende weiße Kleidung, wenn über die Lehre des Buddha gesprochen wird. Man verzichtet auf Parfüm, auf Schmuck, Alkohol, Drogen,  auf jegliche Art von Entertainment und isst nur zwischen Morgengrauen und Sonnenhöchststand. 

Für Ayya Mudita ist das keine Frage strenger Vorschriften, sondern eine Unterstützung der Praxis. „Diese Regeln schaffen einen Rahmen, in dem es leichter wird, sich zu sammeln und nach innen zu schauen“, sagt sie. Es gehe nicht um Verzicht um des Verzichts willen, sondern um Vereinfachung. „Wenn äußere Reize wegfallen, wird deutlicher, was im eigenen Geist passiert.“ 

Das buddhistische Zentrum versteht sie als einen Ort, der klar geregelt und zugleich offen ist, strukturiert und dennoch durchlässig für Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenswegen. Ein Ort, an dem Stille nicht Abwesenheit bedeutet, sondern Möglichkeit.

Text: Dana Toschner