Von Dana Toschner
Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt.“ Dieses Zitat von Erich Fried ist für Prof. Dr. Joachim Schiemann zugleich Lebensmaxime und Antrieb. Wenn man den 74-Jährigen fragt, warum er sich nicht scheut, Meinung und Gesicht zu zeigen, warum er lieber Verantwortung übernimmt als stumm in einer schweigenden Masse mitzuschwimmen, dann antwortet der gebürtige Rostocker lächelnd: „Wat mutt, dat mutt.“

Dass sein muss, was sein muss, erklärt zum Beispiel sein Engagement für das Halberstädter Bündnis für Demokratie. Mehr als 40 Institutionen, Organisationen und Privatleute haben sich zusammengeschlossen, um für ein demokratisches Zusammenleben einzutreten. „Uns eint, dass wir die Entwicklungen in unserem Land und unserer Stadt mit Sorge beobachten. Wir wenden uns dagegen, dass populistische, rechtsextremistische und antisemitische Positionen zunehmend salonfähig werden und wollen nicht, dass Misstrauen, Hass und Hetze die Gesellschaft auseinander treiben“, sagt er. Richtschnur des Handels müsse es sein, die unantastbare Würde des Mensch zu achten und zu schützen. „Politische Parteien, die diesen Grundsatz in Frage stellen, sind nach unserem Verständnis keine Alternative.“
Ausschlaggebend für die Gründung des Bündnisses waren die Recherchen des Mediennetzwerks Correctiv, die Ende 2023 das Treffen einiger Rechtsextremer in einer Villa bei Potsdam offenlegten. Dort besprach man die sogenannte Remigration. „Die absurde Idee einer Zwangsausweisung von Menschen mit Migrationshintergrund sorgte damals in ganz Deutschland für einen Aufschrei, es entstand eine Gegenbewegung mit vielen Demos. Mir war es wichtig, dass wir uns auch hier in Halberstadt dazu klar positionieren“, sagt Joachim Schiemann. „Aber natürlich war und bin ich nicht der einzige Motor, sondern einer von vielen.“
Dass das Bündnis schnell wuchs, war dem guten Netzwerk geschuldet, auf das er und seine Mitstreiter in Halberstadt bauen konnten. „Das machte es natürlich leicht, Leute dafür zu gewinnen. Wir wollen, dass das Bündnis eine breite Basis hat.“ Dass bei den Treffen nicht immer alle Bündnispartner einer Meinung sind und mancher Standpunkt für das persönliche Empfinden doch zu weit links oder zu weit rechts liegt, müsse man akzeptieren. „Das Miteinander braucht schon auch diplomatische Fähigkeiten“, räumt Joachim Schiemann ein.
„Was nützt uns eine schweigende Mehrheit?”
Er ist einer der wenigen Bündnis-Köpfe, die keine Scheu haben, sich mit ihrem Engagement auch öffentlich zu zeigen. „Ich kann die Bedenken und Ängste nachvollziehen. Aber was nützt uns eine schweigende Mehrheit? Wir brauchen Leute, die das Schweigen brechen“, sagt er. So moderierte Joachim Schiemann erst kürzlich gemeinsam mit Dr. Ute Pott eine Bündnis-Veranstaltung im Rathaussaal. Eingeladen war ein Vertreter des Verfassungsschutzes aus dem sachsen-anhaltischen Innenministerium, der über die Entwicklungen der rechtsextremen Szene in und um Halberstadt sprach. Auch AfD-Mitglieder saßen an jenem Abend im Saal, und ein Mann aus der Neonaziszene, dessen Zuzug nach Halberstadt bereits im vergangenen Jahr bundesweit in den Medien für Schlagzeilen gesorgt hatte, meldete sich zu Wort. „Im Nachgang gab es einige Diskussionen. Besucherinnen und Besucher forderten, dass solche Leute keinen Zugang zu unseren Veranstaltungen haben dürften. Aber das war ein öffentlicher Vortrag. Auch wenn es wehtut und schmerzt, wir können doch nicht einen Teil der Öffentlichkeit fern halten. Wie sollte das funktionieren? Sie sind nun mal unter uns. Wir müssen diese Positionen aushalten.“
Für ihn selbst habe der Abend keine völlig überraschenden Erkenntnisse gebracht, aber doch eine sehr klare Botschaft: „Wer sich montags in die Demonstrationen einreiht, der weiß spätestens jetzt, mit wem er da mitläuft. Was während der Corona-Jahre seinen Anfang nahm, hat sich gewandelt. Heute ist die Demo eine gesichert rechtsextremistische Veranstaltung mit völkischen, offen rassistischen, demokratiefeindlichen Aussagen und Akteuren. Wenn der Verfassungsschutz zu dieser Einschätzung kommt, hat das doch noch ein anderes Gewicht, als wenn ein Journalist es schreibt.“
Ein Gegengewicht zu den sogenannten Montagsspaziergängen zu schaffen, ist gar nicht so einfach. Das Bündnis setzt bislang auf einzelne Aktionen – etwa Demonstrationen, Demokratie-Feste, einen Open-Air-Kinoabend oder den Vortrag. „Wir möchten auf Menschen zugehen, informieren und kleine Zeichen setzen. Da ist viel Raum für Ideen“, sagt Joachim Schiemann. „Gut finde ich, dass sich auch die Stadt Halberstadt als Bündnispartner begreift.“
Wie überall gibt es auch im Bündnis für Demokratie Leute, die vorangehen und solche, die eher stiller sind. „Meine Mutter hätte jetzt gesagt: Dat Peerd, dat treckt, warrt vörspant. Das Pferd, das zieht, wird vorgespannt. Mit anderen Worten: Wenn man der Ackergaul ist, zieht man eben.“
Seine „Ackergaul-Fähigkeiten“ haben Joachim Schiemann schon im Berufsleben genutzt. Der promovierte Biochemiker hat in leitenden Positionen in der Pflanzenforschung und -züchtung gearbeitet, hatte eine Professur an der Leuphania Universität in Lüneburg inne, hielt Vorträge in aller Welt und war zuletzt Chef des Instituts für die Sicherheit biotechnologischer Verfahren bei Pflanzen am Julius Kühn-Institut (JKI) in Quedlinburg. Als er in den Ruhestand ging, wollte er seine Erfahrungen unbedingt vor Ort in Halberstadt einbringen. „Es ist mir immer leicht gefallen, Leute zu motivieren, Strategien zu entwickeln und über den Tellerrand der eigenen Arbeit hinauszugucken. Mir war klar, das kann auch im Ehrenamt nützlich sein.“
So kandidierte er 2019 für das Presbyterium der Liebfrauengemeinde und ist bis heute dessen Vorsitzender. Seit April 2023 hat er außerdem den Vorsitz im Theaterförderverein inne. Das klingt, als gäbe es ohnehin genug zu tun? „Gibt es, das stimmt. Aber in der jetzigen Situation will ich möglichst viele Menschen zur Selbstermächtigung ermutigen“, sagt Joachim Schiemann. „Das bedeutet, dass man sich nicht als Opfer der Umstände sieht, sondern als Gestalter. Es gibt immer Handlungsmöglichkeiten.“
Angesichts der Weltlage habe man genug Gründe, frustriert und depressiv zu sein, aber für die Demokratie sei es furchtbar, wenn alle in eine Meckerstimmung verfallen. „Ich kann Putin nicht daran hindern, Bomben auf die Ukraine zu werfen, aber ich kann die Ukrainer, die bei uns in Halberstadt leben, unterstützen. Ich kann Kriege nicht verhindern, aber Geflüchtete willkommen heißen. Das tun wir zum Beispiel in der Kirchengemeinde. Und das Theater schafft einen Ort der Begegnung und des Austauschs, was wichtig ist in einer Zeit, in der sich die Diskussionskultur verschlechtert.“
Dass sich Menschen einschüchtern lassen oder mit öffentlichen Meinungsäußerungen zurückhalten, weil einige Vertreter der rechten Szene durchaus angsteinflößend wirken, kann er nachvollziehen. „Aber wenn keiner Stellung bezieht und keiner Verantwortung übernimmt, ist unserer Gesellschaft nicht geholfen“, sagt Joachim Schiemann. „Ängstlichkeit darf nicht zu Feigheit führen.“
Er sieht Parallelen zur friedlichen Revolution. Auch damals habe es etliche Menschen gegeben, die hinter vorgehaltener Hand und im geschützten Raum gesagt haben, dass es so nicht weitergehen könne. Gleichzeitig gab es lähmende Ängste – anders als heute betrafen die allerdings den Staatsapparat. „Nur wenige hatten den Mut, das öffentlich auszusprechen. Wir haben damals unsere Angst überwunden. Das stimmt mich zuversichtlich. Ich erinnere mich gern an den Herbst 89, wo bei so vielen Menschen ein Ruck durchs Kreuz ging und sie wieder aufrecht gehen konnten.“