Martin Gorski nimmt die Welt anders wahr. Für den 14-Jährigen sind Buchstaben, Zahlen, Töne und sogar Menschen untrennbar mit Farben verbunden. Lange wusste er nicht, dass das etwas Besonderes ist. Er erzählt von der seltenen Gabe der Synästhesie – und davon, wie sie das Leben bunter, aber manchmal auch komplizierter macht.
Martin Gorski lebt in einer Welt voller Farben – und kaum jemand weiß, was das bedeutet. Als seine Mutter eines Tages am Abendbrottisch erzählte, sie habe sich im Buchladen mit einem Mann unterhalten, der die Buchstaben beim Lesen in verschiedenen Farbe sehe, hielt ihr Sohn erstaunt inne. „Du etwa nicht?“, fragte er.
Martin war elf Jahre alt an jenem Tag, als er und seine Eltern zu verstehen begannen, wie unterschiedlich sie die Welt sehen. Sie recherchierten und fanden ein Wort für das Phänomen, das Martin von Geburt an begleitet: Er ist Synästhetiker. Sein Gehirn verknüpft Sinneseindrücke, die bei den meisten Menschen getrennt bleiben. Buchstaben, Zahlen und Töne haben Farben – und Menschen strahlen farbige Auren aus, die sich mit ihrer Stimmung verändern.
Synästhesie ist eine seltene neurologische Besonderheit, bei der sich Sinnesreize vermischen. „Schätzungsweise zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung sind betroffen“, sagt Andrea Gorski. Viele Eltern stellen das beim eigenen Kind erst spät fest. „Synästhetiker wie Martin gehen davon aus, dass ihre Wahrnehmung ganz gewöhnlich ist, also hinterfragen oder thematisieren sie das nicht“, beschreibt sie. Martin nickt schulterzuckend: „Ich dachte, alle sehen so.“
Doch was für ihn normal ist, bedeutet beim genauen Hinschauen eine erhebliche Mehrarbeit seines Gehirns. Wer liest, verarbeitet für gewöhnlich schwarze Zeichen auf weißem Grund. Martin nimmt zusätzlich Farbinformation zu den Buchstaben wahr. Ein Wort kann zwei, manchmal drei Farben tragen. Das Lesen wird langsamer, weil mehr Informationen zu bewältigen sind.
Für Synästhetiker wie Martin ist die Welt oft zu bunt und zu anstrengend. Am liebsten widmet er sich seinen kreativen Projekten. Foto: Dana Toschner/Ideengut
In der Grundschule fiel das auf, aber niemand wusste, woran es liegt. Besonders das Lesen in Silben bereitete Martin Schwierigkeiten, obwohl er die Silbenstruktur verstand. Heute ist klar: Die Farbinformationen lenkten ihn ab. „Hätten wir das früher gewusst“, sagt seine Mutter, „hätten die Lehrer und wir hier zu Hause besser darauf eingehen können. Ich sah nur, dass er langsamer lesen lernt als seine älteren Schwestern.“
Martins Synästhesie beschränkt sich nicht auf Buchstaben. Auch Töne haben Farben. Der 14-Jährige spielt Flöte und Klarinette. Wenn er eine Melodie hört, die er noch nicht kennt, nimmt er sich Papier und schreibt sie auf. Die Töne, die er hört, erscheinen ihm farbig, und aus diesen Farben rekonstruiert er die Noten. Einen Werbejingle im Fernsehen in eine Flötenmelodie zu übersetzen – für Martin ist das ein Leichtes. Mit Blick auf die Musik empfindet er seine besondere Wahrnehmung als Bereicherung. „Das fühlt sich schön an – und es sieht schön aus“, sagt er.
Auch Geschichten „übersetzt“ er in Farben: Wenn er etwa die Weihnachtsgeschichte hört, malt er nicht Krippe, Stern, Maria und Josef, sondern farbige Flächen, die ineinander verschlungen sind. Gelb für das Jesuskind, Rot für die Neugier des Volkes, Schwarz für die Angst, Grün für die Hoffnung. Die Geschichte ist im Bild für andere nicht zu erkennen – für Martin aber steckt sie vollständig darin.
Das Außergewöhnlichste an seiner Wahrnehmung ist vielleicht das, was er über und um Menschen sieht. Jedes Familienmitglied am Tisch, jeder Schüler im Klassenzimmer hat für ihn eine Farbe – oder mehrere. Diese Farben sind nicht fest, sie verändern sich mit der Stimmung, werden klarer, wenn man eine Person genauer betrachtet. „Er nimmt Stimmungen sehr genau wahr“, beschreibt seine Mutter. „Wenn ich nach einem besonders anstrengenden Tag nach Hause komme und sage, alles sei in Ordnung, glaubt er mir nicht. Er sieht, dass etwas nicht stimmt, und fragt hartnäckig ein zweites Mal.“
Diese Feinfühligkeit kann im Miteinander zur Herausforderung werden. Konflikte kündigen sich für Martin farblich an, bevor sie eskalieren. Er spürt kleinste Verstimmungen zwischen Menschen und zieht sich zurück, weicht der Situation aus.
„Ein synästhesiebegabtes Kind braucht keinen Therapeuten, aber verständnisvolle Eltern, die es wertschätzen mit allem, was es in diese Welt mitgebracht hat.“
Im Kindergarten wurden seine Eltern deshalb sogar einmal einbestellt: Sie bekamen die Hausaufgabe, sich zu streiten, damit Martin lernt, dass ein Streit keine Katastrophe ist. Der Junge galt als zu konfliktscheu.
Inzwischen besucht er die achte Klasse am Gymnasium. Im Unterricht kommt er gut mit, aber manche Aufgaben fordern ihn auf eine Weise heraus, die seiner Wahrnehmung nicht entgegenkommt. Komplexe Leseaufgaben sind ein Problem, denn die zusätzliche Farbverarbeitung kostet Zeit. Rechtschreibung fällt ihm schwer, weil er Buchstaben lieber nach ihrer ästhetischen Logik anordnet – also so, dass die Farben gut harmonieren. Und manchmal schaltet er ab, taucht in seine eigene Welt, ohne es zu merken. „Ich krieg das immer nur beim Auftauchen mit“, sagt er schulterzuckend.
Der 14-Jährige hat Talente, die kein Lehrplan misst. Mit erstaunlicher Kreativität, Ausdauer und technischem Geschick zieht er ein Projekt nach dem anderen durch. Stundenlang werkelt er vor sich hin. Am Ende steht eine riesige Lokomotive, der Hogwarts-Express, vorm Haus der Familie oder ein Halloween-Zirkuszelt mit lebensgroßen beweglichen Horrorgestalten im Garten, das die gesamte Nachbarschaft zum Gruseln einlädt.
„Papa, wir müssen in den Baumarkt“, ist der Satz, mit dem jedes neue Vorhaben beginnt. „Wir unterstützen ihn, aber ich gebe zu, dass Martin uns mit seinen unerschöpflichen Ideen auch an Grenzen bringt“, sagt sein Vater Marco Zimmer-Gorski. „Was er handwerklich und technisch drauf hat, ist beeindruckend. Am Ende kommt immer was Brauchbares raus.“
Die Eltern sind stolz auf ihren Sohn, geben ihm nicht nur die Möglichkeit, seine Talente auszuleben, sondern auch Raum für den Rückzug, wenn ihm die Welt mit all ihren Sinnesreizen zu viel wird. „Das passiert häufig. Wir können heute viel besser nachvollziehen, wie es ihm geht mit dieser vielschichtigen Wahrnehmung und einer damit verbundenen Hochsensibilität“, sagt seine Mutter. „Wir wünschen uns, dass Ärztinnen, Kindergärtnerinnen oder Lehrer sich auch mit dem Thema beschäftigen. Das würde es anderen Kindern und Eltern leichter machen.“
Sie haben erlebt, dass die Synästhesie aus einem Nichtwissen heraus als Einbildung abgetan wurde – eine Erfahrung, die viele Betroffene teilen. Weil Synästhesie nicht krankhaft, also medizinisch nicht relevant ist, wird sie selten diagnostiziert. Dennoch gibt es Tests, etwa den Fragebogen der Deutschen Synästhesie Gesellschaft. Diese bezeichnet die Synästhesie als „Luxus in der Wahrnehmung“ und rät: „Ein synästhesiebegabtes Kind braucht keinen Therapeuten, aber verständnisvolle Eltern, die es wertschätzen mit allem, was es in diese Welt mitgebracht hat.“
Insofern hat Martin Glück mit seinen Eltern: Sie begreifen seine besondere Wahrnehmung als Stärke. Vielleicht wird er später einmal Wege finden, seine Welt sichtbar zu machen. Bis dahin lebt er einfach darin: in einer Wirklichkeit, die dichter und farbiger ist als die der meisten anderen – und die uns ahnen lässt, wie viel mehr es zu sehen gäbe.