Martini - das optimistische Halberstadt-Magazin

The Final Countdown

Seit 65 Jahren gehört das Jugendblasorchester zu Halberstadt. Heute sind dessen 
Mitglieder nicht mehr ganz jung – weshalb das Wort „Jugend“ schon 2023 gestrichen 
wurde und nur das „Blasorchester“ blieb. Zum Geburtstag wünschen sich die Musiker einen besseren Proberaum, Nachwuchs in ihren Reihen und eine Orchesterleitung. 
Martini-Autor Jörg Loose hat eine Probe im Schulkeller besucht und sagt: 
Dieser Klangkörper hat noch jede Menge Luft.

 

An der Ostseite der Käthe-Kollwitz-Schule führt eine Treppe nach unten. Feuchte Kellerluft dringt aus beengten, fensterlosen Räumen. Lachen und Stimmgewirr klingen aus einem Türspalt. Dann wird es still. Plötzlich ertönt Bläsermusik. Kein Marsch, keine Polka: „The Final Countdown“, der 1986 veröffentlichte Welthit der schwedischen Rockband Europe. Dramatischer geht es kaum. Wer die Lage der Musiker und ihres Orchesters kennt, könnte darin eine Botschaft und eine Überschrift für diesen Text hören.

Letzter Countdown? Nein. So einfach ist es nicht. Und so düster schon gar nicht.

Denn an diesem Abend erlebt man im Probenraum keinen müden Klangkörper kurz vor dem Verstummen. Vielmehr Menschen, die aufbauen, Instrumente stimmen, lachen, einander verbessern, neu ansetzen. Vielleicht sind nicht alle Stühle besetzt. Vielleicht fehlt gerade die Posaune. Vielleicht ist der Raum zu feucht und der Weg zum Nachwuchs schwieriger als früher. Aber nach Ende klingt hier tatsächlich nichts. Eher nach Arbeit, Lust, nach „Wir sind noch da“.

1961 wurde das Jugendblasorchester Halberstadt (JBO) von Hans Hasselmann gegründet. Der neue Name Blasorchester erzählt davon, dass aus einem einstigen Jugendklangkörper längst ein Orchester für mehrere Generationen geworden ist. Die Jüngsten sind Teenager, die Ältesten weit im Rentenalter. Was sie verbindet, ist nicht das Alter, sondern die Musik.

Wer verstehen will, warum dieses Orchester für Halberstadt mehr ist als irgendein Verein, muss zurück in die Nachkriegszeit. Die bedeutete vor allem eins: Neuanfang. In dieser Aufbruchphase gab es zeitgleich bis zu sechs Blasorchester in den Schulen und Betrieben der Stadt. Musik war anders organisiert. Schule, Theater, Stadt und gesellschaftliche Strukturen griffen eng ineinander. Und manchmal brauchte es nur einen Satz. Gerd Peters, ehemaliger Posaunist, erinnert sich an ein Konzert im Felsenkeller. In der Pause kam Hasselmann an den Tisch, musterte ihn und sagte: „Du machst bei uns mit, du hast den Mund für eine Posaune.“
 

Begonnen hatte alles an der damaligen Marx-Engels-Schule. Hier gab es Kinder und Jugendliche, Räume, Instrumente, engagierte Lehrer und vor allem eine Idee: kein Spielmannszug, kein Schalmeien- oder Fanfarenzug – ein richtiges Blasorchester sollte entstehen. Montags und mittwochs wurde einzeln oder in Gruppen geübt, freitags kam das ganze Orchester zusammen. Es gab ein kleines und ein großes Orchester. Wer sich entwickelte, rückte auf – nach etwa zwei Jahren, mit Prüfung und Urkunde als sichtbarem Zeichen.

Nachwuchs entstand nicht zufällig, sondern aus Struktur: kostenlose Instrumente, kostenlose Ausbildung, Schule als Türöffner, Theatermusiker als Lehrer. Die Stadt hörte das Ergebnis. Denn das Jugendblasorchester war bald überall: im Felsenkeller, bei Platzkonzerten, zu Festen, bei Jugendweihen, bei Gedenkveranstaltungen in Langenstein-Zwieberge, auf Bühnen, vor Tribünen, in Sälen. „In dieser Zeit kann ich mich an kein größeres Stadtfest erinnern, bei dem das Jugendblasorchester nicht dabei war“, blickt Angela Weser zurück, die noch heute im Orchester Klarinette spielt.

Natürlich war das JBO in politisch motivierte, offizielle Rituale eingebunden: Zentrales Musikkorps der DDR, Großveranstaltungen, Parteitage, Demonstrationen zum 1. Mai, Jugendfestspiele, Auftritte in Stadien, aber auch Probenlager am Werbellinsee. Die politische Rahmung lässt sich nicht ausblenden. Aber die Erinnerung derer, die damals als Jugendliche dabei waren, klingt anders. „Offiziell war das natürlich alles politisch“, sagt Gerd Peters. „Aber für uns war es vor allem die Möglichkeit, wegzufahren, etwas zu erleben und gemeinsam Musik zu machen.“ 

Auf dem Papier war es Vereinnahmung. Im Probenlager oder im Bus war es Freiheit: Fahrten, fremde Orte, Übernachtungen, Freundschaften, erste Lieben. Es entstanden Ehen aus diesem Orchester. Freundschaften, die bis heute halten. „Natürlich hob uns der privilegierte Status des Orchesters etwas aus der Masse heraus“, blicken Angela und Gerd mit einem Leuchten in den Augen zurück.
 

„Das Orchester hat uns geprägt“, resümiert Angela Weser. Teamfähigkeit, Hilfsbereitschaft, Solidarität, Verantwortung – das seien keine Sprechblasen gewesen, sondern gelebter Orchesteralltag. Hier lernte man, dass der eigene Ton zählt, aber erst im Zusammenklang seine wahre Bestimmung findet. Man hörte aufeinander und wusste auch, „dass sich die anderen auf uns verlassen“, ergänzt Gerd Peters und fährt fort: „Auch wenn es mal Probleme gab: Wir haben keinen zurückgelassen.“

Diese Hasselmann-Zeit war die erste große Epoche: Schule, Disziplin, staatliche Strukturen und viel Nachwuchs führten zu einer Selbstverständlichkeit, die später verloren ging. Nach einer Übergangsphase übernahm 1986 Thilo Eulenburg. 

Eulenburg, selbst ein Eigengewächs des Klangkörpers, führte das JBO durch eine Zeit, in der sich fast alles änderte. Denn mit der DDR verschwanden die Strukturen, die Kultur bisher getragen hatten. Aus einem privilegierten, schulisch angebundenen Jugendblasorchester wurde ein Verein in einer freien, aber härteren Wirklichkeit. 

Zunächst war eine Anbindung des Orchesters an die neu entstandene Musikschule geplant. Doch die eigentlich naheliegende Zusammenarbeit zerschlug sich bald. Thilo Eulenburg erinnert sich: „Wir wollten die Schüler von Anfang an ans Orchester binden. Sie mussten nicht gleich ein Konzert mitspielen, aber sie sollten bei uns ankommen, beim Einblasen dabei sein, vielleicht eine Tonleiter mitspielen. Genau darüber gab es unterschiedliche Auffassungen. Für mich war klar: Wer ein Orchesterinstrument lernt, muss auch erleben, was ein Orchester ist.“ Eulenburgs künstlerische Ambitionen und Vorstellungen von Probenarbeit und Aufführungspraxis erwiesen sich als inkompatibel mit dem Musikschulalltag. 

So lagen nun alle neuen Anforderungen auf Thilo Eulenburgs Schultern. Alles musste organisiert werden: Auftritte, Geld, Räume, Nachwuchs, Anerkennung, Öffentlichkeit. Dass das Orchester diese Zeit nicht nur überstand, sondern so erfolgreich war, dass man es weit über die Landesgrenzen hinaus kannte, war ein gewaltiger ehrenamtlicher Kraftakt, der vor allem Thilo Eulenburg zu danken ist. 

Zahlreiche Deutsche Meistertitel sowie starke lokale und regionale Auftritte zeigten: Dieses Orchester lebte auch ohne die alten Sicherheiten.

„Auch wenn es mal Probleme gab: Wir haben keinen zurückgelassen.“

2019 endete diese Ära. Eulenburgs energische Art und sein ungebrochener Qualitätsanspruch passten zunehmend schwerer zu einer Realität, in der der Klangkörper kleiner geworden war. Eulenburg beschreibt das Ende als schleichenden Prozess: „Ich habe vom Orchester immer viel gefordert, aber ich habe auch viel mit ihm erreicht. Wenn ich auf eine Bühne gehe, will ich optimal vorbereitet sein – egal, ob es ein bezahltes Konzert oder eine Benefizveranstaltung ist. Dieser Anspruch war irgendwann nicht mehr überall Konsens.“ Kurz darauf kam Corona – und damit ein Einschnitt, der tiefer wirkte als eine bloße Pause. Zunächst, so erzählt es Jens Reinländer, der heute provisorisch Proben und Auftritte leitet, habe es nach Eulenburgs Abschied noch eine starke Motivation gegeben. Man plante, wollte proben, bereitete Weihnachtskonzerte vor. Doch immer wieder gab es neue Regeln und pandemiebedingte Absagen. Über Monate fehlte, was ein Orchester braucht: Regelmäßigkeit. Corona nahm dem Orchester den Rhythmus.

Und wer einmal aus dem Rhythmus kommt, findet nicht leicht zurück. Manche hatten sich und ihre Freizeit neu organisiert, andere Prioritäten gesetzt, kamen nicht wieder. Viele gingen nach dem Abi-tur. Gleichzeitig fehlte eine feste musikalische Leitung. Mehrere Dirigenten kamen und gingen, eine dauerhafte Lösung fand sich nicht.

Heute übernimmt Jens Reinländer vieles, was eigentlich ein Dirigent leisten müsste. Er studiert Stücke ein, leitet Proben, setzt sich dann aber wieder ins Orchester und spielt selbst Bariton- oder Tenorhorn. „Wir leben im Moment damit, dass ich das mache“, sagt er, „aber ich sehe mich nicht dauerhaft vorn, sondern als Musiker im Orchester.“ Das ist kein Jammern. Es ist Bestandsaufnahme.

Von den großen Besetzungen früherer Jahrzehnte mit fast 100 Musikern ist das Orchester auf 22 musizierende Mitglieder geschrumpft. Bei Proben sind selten alle da. Der Altersdurchschnitt liegt bei etwa 35 bis 40 Jahren. Geprobt wird dienstags und freitags von 18 bis 20 Uhr. Wer mitmachen will, findet also noch immer eine Struktur. Aber sie ist fragiler als früher.
 

Das größte Problem ist der Nachwuchs. Früher fanden Kinder über die Schule zum Orchester. Heute wählen sie aus einer Vielzahl konkurrierender Angebote. Die Eltern müssen fahren, organisieren, begleiten. Auch wenn Instrumente noch gestellt werden, ist die musikalische Ausbildung ein Kostenfaktor, selbst dann, wenn in dieser Zeit keine Vereinsbeiträge zu zahlen sind. Ein Instrument zu lernen, heißt auch, eine Durststrecke bis zum ersten Auftritt auszuhalten. Verlieren Kinder in unser schnelllebigen Zeit dieses Durchhaltevermögen? 

Janine Schulze, Vereinsvorsitzende des Blasorchesters, wirft in die Waagschale, was das Ensemble zu bieten hat: „Das Gemeinschaftsgefühl aus den Anfangsjahren ist noch da. Wir sind eine große Familie.“ Das Problem ist, neue Menschen bis zu dem Punkt zu bringen, dass dieses Gemeinschaftsgefühl für sie zum Bedürfnis wird. Dafür braucht es mehr als einen Flyer: Orte, Partner, Lehrer, Sichtbarkeit und Menschen, die sagen: Geh da mal hin! Da wartet ein Stuhl auf dich.

Ein solcher Ort ist derzeit selbst ein Thema. Der Probenraum im Keller der Käko ist vertraut, aber schwierig: Feuchtigkeit, Schimmel, muffige Luft, die Sorge um die Instrumente. Für Kinder und Eltern ist das kein einladendes Bild. Hinzu kommt: Vereinsleben braucht Zeit nach der Probe. Im Schulkeller ist das kaum möglich. Um 20 Uhr muss Schluss sein. Dann heißt es zusammenpacken, raus, Tür zu. Dabei entsteht Gemeinschaft oft genau nach dem letzten Ton. Die Raumfrage ist deshalb mehr als ein praktisches Problem. 
 

Vier Wünsche formulieren die Verantwortlichen, ohne zu zögern: geeignete Räume, mehr Vernetzung und Zusammenarbeit in der Stadtgesellschaft, mehr Musikerinnen und Musiker und natürlich eine musikalische Leitung.

Ein Silberstreif ist am Horizont sichtbar. Das Käko-Schulgebäude soll umfassend saniert und umgebaut werden – und künftig auch der Musikschule ein neues Zuhause bieten. Deren bisherige Räume in der Südstraße sind desolat und wirtschaftlich kaum noch sanierbar. Für das Blasorchester könnte darin eine Chance liegen. Die Raumfrage wäre nicht automatisch gelöst, das Nachwuchsproblem nicht verschwunden, aber beides bekäme eine neue Perspektive. Auch Thilo Eulenburg wünscht dem Orchester zum 65. Geburtstag vor allem eines: „Dass es immer genug Nachwuchs findet. Schön wäre, wenn sich die Musikschule an der Käko einbindet und das Früchte fürs Orchester trägt. Und vor allen Dingen: dass sich das Orchester wieder mehr zeigt.“

„Das Gemeinschaftsgefühl der Anfangsjahre ist noch da.“

Im Proberaum ist der Ton trotz aller Schwierigkeiten nicht bitter. Eher nüchtern, manchmal ironisch, manchmal erschöpft, aber nicht ohne Hoffnung. Das liegt auch an den Menschen, die neu dazugekommen sind – einige ukrainische Berufsmusiker spielen inzwischen mit. 

Die Einladung des Orchesters zum Mitmachen richtet sich heute ausdrücklich nicht nur an Kinder, sondern auch an Jugendliche, Erwachsene und Wiedereinsteiger, die früher Trompete, Klarinette, Saxofon, Flöte, Posaune, Tuba oder Schlagzeug gespielt haben. Instrumente können gestellt werden, die Orchesterkleidung auch. Wer noch Unterricht nimmt, zahlt keinen Mitgliedsbeitrag. Können ist gut, Lust und Spaß an handgemachter Musik sind noch besser.

Als „The Final Countdown“ verklungen ist, wirkt der Keller eine Spur heller. Die Probleme sind nicht verschwunden. Es fehlt an vielem, aber nicht an Luft und Leben. Von einem letzten Countdown kann keine Rede sein.