Martini - das optimistische Halberstadt-Magazin

Taktwechsel

Wenn Paul Kholodyansky im Proberaum im Halberstädter Burchardikloster sitzt, die Drumsticks in der Hand, wirkt er ruhig. Konzentriert. Fast so, als gäbe es nur diesen Moment. Nur das Schlagzeug und ihn. Hier kann der 37-Jährige vergessen, dass eine Zeit der Verluste hinter ihm liegt. „Ich hatte ein Traumleben“, sagt er. „Dann griff Russland die Ukraine an, und es blieb nur noch wenig von diesem Leben übrig.“

Ich bin Vater einer fünfjährigen Tochter, ukrainischer Flüchtling, Schlagzeuger“, stellt sich Paul Kholodyansky vor. Wer diesen Satz hört, ahnt nicht, welche Lebensgeschichte der junge Mann zu erzählen hat, wenn er seine Sticks für ein, zwei Stunden zur Seite legt.

Seine Geschichte beginnt in Charkiw, im Osten der Ukraine. Und sie beginnt musikalisch. „Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich schon im Kinderwagen immer gesungen habe“, sagt er lachend. Als Siebenjähriger tut er das schon recht geübt – im Knabenchor der Oper. Die Jungen reisen zu Chorwettbewerben und Konzerten sogar ins Ausland. „Unsere Lehrer waren streng. Es waren andere Zeiten damals, andere Erziehungs- und Lehrmethoden. Da gab es auch mal eine Kopfnuss“, erzählt er. „Aber ich bin trotzdem dankbar für diese Zeit, denn ich habe Disziplin gelernt. Seither weiß ich: Man kann etwas erreichen, wenn man sich anstrengt.“

Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf, lebte in einer Wohnung zusammen mit der Mutter, dem Bruder und den Großeltern. Mit 14 setzte er sich zum ersten Mal ans Schlagzeug – eher zufällig, weil der Bruder eine Band gründen wollte. „Ich wusste nicht, wie das funktioniert. Aber nach der ersten Probe habe ich zu meiner Mutter gesagt: Ich will mein ganzes Leben lang Schlagzeug spielen!“

Er begriff das Schlagzeugspielen nicht als Hobby, sondern sah es von Anfang an als seine Berufung. „Ich wollte richtig, richtig gut werden und eigentlich nichts anderes mehr tun.“ Als 17-Jähriger schrieb er sich an einem Musikkolleg ein, später am Konservatorium. Er lernte klassische Schlaginstrumente wie Xylophon und Vibraphon zu spielen und wurde von Lehrern unterrichtet, die seine Motivation und sein Talent sahen. „Von ihnen habe ich gelernt, Musik zu fühlen.“

Als er mit 18 eine Prüfung nicht bestand, war er tieftraurig, weinte und beschloss, fortan noch viel, viel mehr zu üben. „Ich tat eine Zeit lang nichts anderes mehr. Traf keine Freunde, ging nicht aus dem Haus. Ich spielte zehn Stunden am Tag Schlagzeug. Meine Mutter machte sich Sorgen, aber sie redete mir nicht rein.“

Das intensive Üben, das an Besessenheit grenzte, brachte ihn weiter. Er gewann Wettbewerbe, etwa den Roland V-Drums Contest in Moskau und qualifizierte sich für das internationale Finale in Deutschland.

Weil ihm klar war, dass er mit Mitte 20 langsam anfangen sollte, Geld zu verdienen, nahm er das Angebot an, mit ein paar Freunden aus der Musikschule nach China zu fliegen, um dort in Bars, Restaurants oder auf Hochzeiten aufzutreten. Die Jungs spielten jeden Abend Coversongs und machten anschließend ausgiebig Party. „Ich habe sehr viel Alkohol getrunken und irgendwann gemerkt, dass das aufhören muss. Mein Weg führte bergab. Das, was wir dort machten, war weit entfernt von dem, was ich wollte“, sagt der heute 37-Jährige. 

Er ging zurück in die Ukraine, tourte mit einem Orchester durch Russland, das klassische Klänge mit Rockband, Chor und DJ verbindet, und fand danach endlich, was er sich so lange gewünscht hatte: eine Band, die sein musikalisches Zuhause wurde.

Sie heißt „Poshlaya Molly“ und macht russischsprachigen Elektro-Punk. Die Band um den Frontmann Kyrylo Tymoschenko wurde quasi über Nacht erfolgreich. Auf Konzerte in der Ukraine folgten Tourneen durch Russland und die ehemaligen Sowjetrepubliken. Die Band trat in Fernsehshows auf, spielte bei einem Konzert des russischen Ablegers von MTV und platzierte 2020 ein Album in den Top Ten der russischen Apple Music Charts.

„Ich hatte nichts. Ein Flüchtling, der von Bürgergeld lebt. Das wollte ich nie sein.“

Wenn Paul Kholodyansky von jener Zeit erzählt, klingt er, als könne er es selbst kaum glauben: „Unsere Gesichter waren in Moskau auf Plakatwänden und Videoscreens. Bei einem Konzert standen 10.000 Menschen vor der Bühne. Es gibt Musikvideos von uns im Internet, die mehr als 30 Millionen Leute angeschaut haben. Ich hatte ein Traumleben. Alles, was ich wollte, passierte. Ich war verheiratet, verdiente genug Geld, wurde Vater. Meine Frau und ich planten, ein Haus zu kaufen.“

Der Traum zerplatzt im Februar 2022. Der russische Angriff auf die Ukraine verändert alles. Die Band entscheidet sich, nicht mehr in Russland aufzutreten – obwohl dort das große Geld wartet. „Wir konnten das nicht mit unserem Gewissen vereinbaren“, sagt er. Stattdessen organisieren die Jungs von „Poshlaya Molly“ zusammen mit anderen ukrainischen und russischen Künstlern Benefizkonzerte in Warschau. Der Erlös kommt Menschen in der Ukraine und Flüchtlingen zugute. 

Paul Kholodyansky darf mit einer Genehmigung des Kulturministeriums ausreisen und entscheidet sich, nicht in die Ukraine zurückzukehren. Mit seiner Frau und der kleinen Tochter kann er zunächst in Polen bei Freunden bleiben. „Wir dachten: Das dauert nicht lange“, sagt er. „Das war ein Irrtum.“

Die Situation wird nicht einfacher. Ein politischer Witz des Sängers der Band, geteilt in den sozialen Netzwerken, löst in Polen einen Skandal aus. Die Folge: Für zehn Jahre erhält er ein Einreiseverbot in die EU. Mit den abgesagten Konzerten brechen die Einnahmen weg – auch für den Schlagzeuger Paul.

Weil befreundete Musiker in Deutschland Zuflucht gefunden haben, macht auch er sich im Spätsommer 2023 mit seiner Frau und Tochter Varvara auf den Weg. Sie bleiben einige Monate in Wolfenbüttel und finden schließlich eine Wohnung in Halberstadt. Was er mitbringt, passt in wenige Taschen. Was er verloren hat, ist größer: seine Heimat, seine Karriere – und schließlich auch seine Ehe, denn seine Frau trennt sich bald darauf von ihm. „Ich war null“, sagt er. „Ich hatte nichts. Ein Flüchtling, der von Bürgergeld lebt. Das wollte ich nie sein.“

Doch er rappelt sich auf. Paul Kholodyansky lernt mit ähnlichem Eifer Deutsch, wie er sich als Jugendlicher das Schlagzeugspielen beibrachte. Er versucht, sich ein neues Leben aufzubauen und ist dankbar über jede helfende Hand, die ihm gereicht wird – vom Mitarbeiter im Jobcenter bis zum Chef des AWZ, der ihn im Proberaum des Burchardiklosters üben lässt. „Ich möchte hier in Deutschland nützlich sein und unabhängig von staatlicher Unterstützung leben. Das ist mein Ziel“, sagt er. „Ich will es für mich und für meine Tochter. Ich glaube fest daran, dass ich es schaffe.“

„Ich habe in Halberstadt so viele gute Menschen getroffen und so viel Hilfe erfahren, dass ich einfach nur dankbar bin, hier zu sein.“

Er besucht einen Kurs für Existenzgründer, lässt Flyer und Visitenkarten drucken. Paul Kholodyansky ist bereit für den Neuanfang: Ende Mai eröffnet er sein Drumstudio und gibt Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Schlagzeugunterricht – offline in Halberstadt und online überall auf der Welt. „Ich will meine Erfahrung, meine Kenntnisse und die Leidenschaft weitergeben“, sagt er. Anfänger lernen bei ihm Grundlagen wie Timing und Koordination, Fortgeschrittene entwickeln Technik, Stil und Zusammenspiel weiter.

Weil man auf mehreren Beinen sicherer steht, wird er parallel dazu auch weiterhin bei „Poshlaya Molly“ trommeln. Dieses Jahr stehen Konzerte in Armenien, Moldau, Kasachstan, Georgien, Serbien, Großbritannien, Usbekistan an und – wenn es die Lage dort zulässt – auch in Israel.

Paul Kholodyansky ist froh, den Stillstand hinter sich zu lassen, und schaut mit Freude auf das, was kommt: „Mein Leben ist komplett anders, als ich es mir vorgestellt habe. Aber ich habe in Halberstadt so viele gute Menschen getroffen und so viel Hilfe erfahren, dass ich einfach nur dankbar bin, hier zu sein, und dafür, dass ich die Chance habe, mich einzubringen.“

Er hat viel verloren, aber eines kann ihm niemand wegnehmen: seine Musik. „Das Schlagzeug ist für mich nicht einfach nur ein Instrument. Es ist wie Essen. Ich kann nicht ohne“, beschreibt er. „Wenn ich spiele, ist es wie Meditation.“ Vielleicht ist es genau das, was ihn trägt. Nicht die großen Bühnen, nicht der Applaus und Millionen Klicks auf YouTube. Sondern ein Takt, ein Rhythmus, der ihn darauf vertrauen lässt, dass es weitergeht.

Dana Toschner