Von Uwe Kraus
Philipp Braak ist Fußball-Fan, so richtig mit Trikot und Schal, mit langen Reisen zu Auswärtsspielen und Tränen in den Augen, wenn es schlecht um seine Mannschaft steht. „Seit Kindertagen schlägt mein Herz für Rot-Weiß Erfurt. Ich bin 1993 dort geboren, da ist klar, wo man steht. Dass ich als Thüringer dann auch HSV-Anhänger wurde, klingt schon etwas ungewöhnlich, war aber so ein Familien-Ding.“ Als Jugendlicher stand er oft im Stadion, hatte eine Dauerkarte bei Rot-Weiß. Wenn man ihn unabhängig vom Fußball nach der Heimat des Herzens fragt, nennt er Erfurt und Dresden. „In der einen Stadt kam ich zur Welt, in der anderen habe ich lange gelebt.“ Jetzt wohnt er in Quedlinburg, wo fast das komplette Schauspielensemble des Harztheaters seine Zelte aufgeschlagen hat. Seit anderthalb Jahren arbeitet Philipp Braak hier als Theaterpädagoge, gemeinsam mit Julia Morawietz.

Er befasst sich vor allem mit dem „Theaterlabor junior“, einem Angebot für Kinder im Grundschulalter. „Sie machen ihre ersten Gehversuche auf der Bühne.“ Mit den Mädchen und Jungen werde ein Stück entwickelt, das am Ende vor Eltern und Familie gezeigt wird. „Rüsseldinos“ stand in der vergangenen Spielzeit auf dem Programm. „Die Kinder freuten sich, dass die Inszenierung gelungen ist. Ich gestehe, es war nicht so leicht. Wir haben mit drei Kindern begonnen, die Zahl der Mitstreiter wuchs nur sehr langsam. Es klingt eigenartig, aber Angebote wie der Theaterjugendclub, der in Halberstadt funktioniert, stoßen in Quedlinburg überhaupt nicht auf Interesse.“
Philipp Braak freut sich über den Erfolg seiner Kollegin Julia Morawietz, ebenfalls Theaterpädagogin, die seit einigen Jahren den Theaterjugendclub „Theaterlabor 12+“ leitet: „Das zwölfköpfige junge Ensemble auf der Kammerbühne wurde für seinen Auftritt gefeiert. Die ausverkaufte Vorstellung war eine Welturaufführung.“ Das Stück „LE|Ben, das [ein Fragment]“ stand auf dem Programmzettel.
Gemeinsam mit seiner Kollegin bringt Philipp Braak nun eine Geschichte von Fußball und Tod auf die Bühne. Die Spielfläche ist deutlich kleiner als ein Fußballfeld, nie größer als der Klassenraum, den die Lehrer jeden Tag bespielen. Nach mehreren Jahren bietet das Harztheater damit wieder ein Klassenzimmerstück an, bringt also das Theater direkt in die Schulen. Doch was spielt man für pubertierende Schüler? Wie kommen politische Themen bei ihnen an? Julia Morawietz und Philipp Braak haben so ihre Erfahrungen gemacht. Nicht immer gute, räumen sie ein. „Es kommt vor, dass antisemitische oder rassistische Bemerkungen fallen“, so Braak.
Er und seine Kollegin machten sich die Wahl des Stücks nicht leicht, lasen viel und sahen sich Aufführungen an. Als er schließlich auf „Terezín – Eine Geschichte von Fußball und Tod“ von Marco Stickel stolperte, war klar: Das passt! Und: Er würde selbst spielen. Nach abgebrochenen Studiengängen der Psychologie und Germanistik fand er seinen Weg an das Europäische Theaterinstitut in Berlin, an dem er 2019 seine Schauspielausbildung abschloss. „In unserer Familie hatte niemand große künstlerische Ambitionen. Mach was Ordentliches, hieß es. Ich wusste aber, ich wäre ein schlechter Lehrer geworden, habe mich getraut und drehte so ein Jahr lang die große Vorsprechrunde an den deutschen Schauspielschulen.“
Aus Philipp Braak wird in den Schulen nun also zu Fußballfan Miro. Der Schauspieler zieht das Trikot an, packt seine zwei Koffer mit Requisiten ins Auto und steht wenig später auf der Bühne, die eigentlich keine ist. Noch näher am Publikum als er könne man kaum sein, sagt er. Er will mit seinen jungen Zuschauern in den Klassenzimmern ins Gespräch kommen. Gerade zu diesem recht intimen Monolog.
Die Theaterpädagogen möchten Geschichte begreifbar machen und von menschlichen Schicksalen erzählen – auch dann, wenn einige Jugendliche es nicht hören wollen. „In einer Zeit immer fragiler werdenden Verhältnisse und einer zunehmenden Verrohung der Gesellschaft bringen wir den Monolog ,Terezín – Eine Geschichte von Fußball und Tod’ direkt zu den Menschen.“
Eine 45-minütige Schulstunde mit Nachspielzeit dauert das Ein-Personen-Stück. Erzählt wird die Geschichte des Fußballfans Miro, der bei der WM 2018 in Moskau den älteren Anton Himmelkron trifft. Anton reist seit Jahrzehnten zu internationalen Turnieren – auf der Suche nach seiner Schwester, die er als Kind im Konzentrationslager Theresienstadt verloren hat. Im Gespräch zwischen erfährt Miro, wie Kinder in Theresienstadt lebten und welch hoffnungsspendende Kraft ein Fußballspiel für sie haben konnte. Denn ja, es wurde dort Fußball gespielt, es gab sogar eine Fußballliga. Häftlinge organisierten die Spiele auf improvisierten Plätzen, meist unter schwierigen Bedingungen und mit selbstgebastelten Bällen. Torjubel im Angesicht des Todes.