Seit 25 Jahren prägt Johannes Rieger das Musikleben am hiesigen Theater. Nun trägt er den Titel des Generalmusikdirektors. Martini-Redakteurin Dana Toschner sprach mit ihm über Klang und Stille, über die Frage, was einen Dirigenten und einen Bergführer eint und über die besondere Energie, die er beim Konzert spürt.
Sie wurden vor kurzem für 25 Dienstjahre am hiesigen Theater geehrt und zum Generalmusikdirektor ernannt. Ändert sich durch diesen Titel etwas für Sie? Verdienen Sie jetzt zum Beispiel mehr Geld? Nein, das ist ein reiner Ehrentitel, über den ich mich sehr freue. Es ist eine Anerkennung dessen, was man getan hat. Der Titel zeigt, dass man für das Musikleben einer Stadt – oder hier bei uns eines Landkreises – ein Stück weit Verantwortung übernimmt.
Dirigieren Sie heute anders als vor 25 Jahren? Das hoffe ich, denn es wäre schrecklich, wenn man sich nicht entwickeln würde. Dirigieren ist wie vieles andere lebenslanges Lernen. Wenn ein Stück mit zeitlichem Abstand wieder aufgeführt wird, ist es nie ganz gleich. Man lernt es immer noch besser kennen. Dass es anders klingt, liegt nicht nur an mir als Dirigenten, sondern auch an den Musikerinnen und Musikern. Ich arbeite mit offenen Ohren, nehme auf, was von den Musikern kommt – oder bei der Oper von den Sängerinnen und Sängern. Ich reagiere darauf, passe mein Konzept an.
Erleichtern Ihnen die vielen Berufsjahre die Arbeit? Ja. Wenn ich etwas schon häufiger gemacht habe, bin ich sicherer und reagiere souveräner. Ich weiß, welche Mittel mir zur Verfügung stehen und wie ich sie einsetze. Diese Sicherheit hat mich mit den Jahren freier und mutiger gemacht. Was bleibt, ist die Anspannung vor einem Konzert oder einer Musiktheater-Vorstellung. Du musst auf den Punkt funktionieren. Das geht Sportlern bei einem Wettkampf ja genauso. Ohne Druck und ohne Adrenalin wäre der Beruf weniger schön.
Worum geht es eigentlich im Kern beim Dirigieren? Um Kommunikation, um Vertrauen, um Perfektion oder um Führung? Ich sehe mich als Mittler. Ich verhelfe einem gedruckten Werk zur Aufführung. In der Zusammenarbeit mit den Musikerinnen und Musikern ist Kommunikation ein ganz entscheidender Punkt. Um effizient zu arbeiten und die meist knapp bemessene Probenzeit zu nutzen, braucht es klare Worte. Wobei das Spannendste an meiner Arbeit das Nicht-Verbale ist. Es geht um die Gesten. Der Kern des Dirigierens ist, durch seinen Körper zu zeigen, welchen Klang man sich erhofft.
Johannes Rieger bei der Ernennung zum Generalmusikdirektor am 30. Januar 2026. Foto: Holger Wegener/Stadt Halberstadt
Funktioniert das besser mit dem eigenen Orchester? Nicht unbedingt. Mit dem hiesigen Orchester bin ich vertraut, da freue ich mich auf bestimmte Stellen, weil ich weiß, wie sie klingen werden. Ein fremdes Orchester ist erstmal wie ein weißes Blatt Papier. Das hat auch seinen Reiz. Ich war oft als Gastdirigent im Ausland, und aktuell springe ich für drei Konzerte als Dirigent der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie Schönebeck ein. Das ist eine gute Schule, weil du siehst, ob du dein Handwerkszeug nachschärfen musst.
Die Rolle des Dirigenten wird von manchen Ihrer Berufskollegen mit der eines Bergführers verglichen. Wie gut trifft dieses Bild Ihre Arbeit? Da ist schon was dran. Der Bergführer navigiert durchs Gelände, der Dirigent durchs Musikstück. Es gibt viele Wege, den Brocken zu besteigen. Ein Wanderer geht da lang, der andere dort lang. Aber wenn man eine gemeinsame Tour als Gruppe plant, ist es sinnvoll, sich vorher auf einen Weg zu einigen.
Man kann auch ohne den Bergführer wandern gehen, und die Musiker könnten ohne Sie trotzdem ein Werk spielen – sie haben ja die Noten. Braucht es den Dirigenten überhaupt? Es gibt Stücke, die sind so komplex, die funktionieren nicht ohne Dirigenten, etwa eine Mahler-Sinfonie, eine Wagner-Oper oder eine Strawinsky-Komposition. Aber auch weniger komplexen Stücken tut ein Dirigent gut. Sie haben in einem Orchester 25, 40 oder 80 gut ausgebildete Musiker sitzen. Jede und jeder von ihnen hat eine eigene Vorstellung davon, wie es klingen soll. Unser Anspruch als Orchester ist es nicht, einfach zusammen anzufangen und zusammen aufzuhören. Wir wollen gemeinsam eine Fassung schaffen, die aus einem Guss ist. Dafür braucht es den Dirigenten.
„Der Kern des Dirigierens ist, durch seinen Körper zu zeigen, welchen Klang man sich erhofft."
Wie übt ein Dirigent ohne Orchester eigentlich? Während die Musiker mit ihren Instrumenten proben, haben Sie selbst zum Proben erstmal nur Ihre Vorstellungskraft. Das stimmt. Ich arbeite die Partitur sehr genau durch, mache mir Anmerkungen. Wenn ein Dirigent auf die Noten schaut, hört er die Musik sozusagen im Kopf. Das ist zeitintensiv und geht am besten in den ruhigen Nachmittagsstunden. Da habe ich hier im Büro Ruhe. Mein Fokus liegt auf den schwierigen Passagen, die wir dann auch verstärkt proben werden. Die kann ich nur vermitteln, wenn ich nicht selbst ins Schwimmen gerate.
Welche Eigenschaften braucht ein Dirigent neben dieser Vorstellungskraft? Eine gewisse Autorität, Selbstbewusstsein? Beides ist hilfreich. Dem Bergführer, der unsicher wirkt und sich in jedem zweiten Satz entschuldigt, würde vermutlich niemand trauen. Als Dirigent habe ich eine Führungsaufgabe. Wobei ich finde, Führung ist dann am besten, wenn man sie kaum merkt. Dass es harmonisch läuft, wäre meine Idealvorstellung. Das klappt nicht immer. Ich möchte Musiker und Sänger motivieren, über sich hinauszuwachsen, ihnen Mut machen, sich etwas zu trauen.
Gibt es auch Musiker, die sich mehr Strenge oder Härte wünschen? Die gibt es. Ich denke, dass nicht jeder Dirigent zu jedem Orchester passt. Nach einem Probedirigat vor vielen Jahren sagte einer der Musiker danach, er wünsche sich einen Dirigenten, vor dem er Angst habe. So einer bin ich nicht. Meiner Meinung nach führt Angst auf Dauer nicht zu guten Ergebnissen.
Während der Aufführung eines Werks stehen Sie ja mit dem Rücken zum Publikum und sehen es nicht. Spüren Sie trotzdem, ob das Konzert die Menschen erreicht? Ja. Zumindest bilde ich mir ein, in unseren Sinfoniekonzerten Energieströme zu spüren. Jüngst hatte die Dernière, also die letzte Aufführung, der „Walküre“ einen ganz besonderen Glanz. Wir waren alle so stolz auf unser Erfolgsstück, das überregional Beachtung gefunden hatte, dass wir beim Abschied alle 150-prozentig da waren.
Das komplette Interview lesen Sie in der Printausgabe.