Seit 30 Jahren ist Winfried Runge katholischer Priester. Zu den Herausforderungen seines Amts zählt, immer wieder an einem anderen Pfarrort neu zu starten. Aktuell ist er in Halberstadt zu Hause. Mit Martini sprach er über seinen Lebensweg und die Arbeit in einer Zeit, in der Kirche für viele Menschen an Bedeutung verliert.
Von Uwe Kraus
Winfried Runge traf ungewöhnlich früh die Entscheidung, Priester zu werden. „Schon als Zwölfjähriger trug ich den Gedanken im Herzen, dass ich im geistlichen Beruf den Weg in Nachfolge Christi gehe“, sagt er. Dessen Ausspruch „Folge mir nach“, den der Junge aus der Bibel kannte, verstand er als persönliche Aufforderung – als Ruf und Berufung.
Seine Eltern waren als Vertriebene aus dem Sudetenland gekommen. Sie landeten in Zörbig, der Kleinstadt in der Nähe von Halle (Saale), die man damals wie heute vor allem dadurch kennt, dass hier Rübensaft hergestellt wird. „Ja, Saft-Zörbig“, nickt Runge. Die Eltern waren sehr gläubige Menschen, erzählt er. „Wir fünf Brüder haben das katholische Gemeindeleben in der DDR erlebt und mit gestaltet.“ Der Vater war aktiv im Pfarrgemeinderat und engagierte sich in der Kolpingfamilie, die Mutter war Organistin.
Sie fand, dass das musikalische Talent ihres Sohnes Winfried in Zörbig nicht adäquat gefördert wurde, und so verließ er sehr früh das Elternhaus. „In der dritten Klasse wechselte ich nach Dresden ins Internat der Kapellknaben, widmete mich der geistlichen Musik, gestaltete Gottesdienste mit, sprach oft mit unserem Hausgeistlichen“, sagt er. „Nur in den Ferien bin ich zur Familie nach Zörbig gefahren.“
Winfried Runge in der Franziskanerklosterkirche St. Andreas in Halberstadt.
Die Welt der Dresdner Kapellknaben, eines Knabenchors mit jahrhundertealter Tradition, sei wie eine Insel gewesen. Er habe dort viel gelernt, Gemeinschaft erfahren und schöne Erlebnisse gehabt. „Wir Jungen hatten unsere Sonntagsorte zwischen Kathedrale und Brühlschen Terrasse, waren im Elbtal und in der Sächsischen Schweiz unterwegs.“ Quer durch die DDR seien sie auf ihren Chorfahrten gereist – und auch über Staatsgrenzen hinweg. So fuhr er 1983 mit zum Konzert nach Rom und sang vor Papst Johannes Paul II. Jene Chorjahre prägten ihn musikalisch. Noch heute spielt Winfried Runge Orgel, Klavier und Gitarre.
Obwohl er in der elften Klasse Lehrern und Freunden erzählte, dass er Priester werden wolle, startete er nach dem Abitur nicht sofort ins Theologiestudium, sondern absolvierte zunächst - ganz weltlich - eine Tischlerlehre. 1988 begann er das Theologiestudium in Erfurt, ein Jahr später stand die Welt Kopf. „Ich erlebte die Wendezeit ganz intensiv, vom Runden Tisch bis zur Besetzung der Erfurter Stasi-Zentrale. Die Bürger wollten die Vernichtung von Akten verhindern. Auch bei uns änderten sich Dinge. Wir durften als erster Jahrgang nach dem Fall der Mauer unsere Freisemester an einer anderen Universität verbringen.“ Er ging für zwei Semester nach München, wo ein Onkel wohnte. „Ich wollte den Westen erfahren, raus aus dem DDR-Dunst.“
Für viele der jungen Priesterkandidaten war das eine einschneidende Zeit. „Es gab eine große Verunsicherung, ob man in einer offenen Gesellschaft überhaupt Priester werden muss. Die Frage, die sich uns stellte, war: Wollten wir das Priestertum, oder hatten wir in der einst verschlossenen Welt nur den Freiraum der Kirche gesucht und genossen?“
Winfried Runge fand eine Antwort: Für ihn war und blieb der Glaube wichtig. „Das Thema ist nicht erledigt, weil wir Freiheiten haben, es bleibt für mich eine Herzensangelegenheit“, sagt er heute. 1995 weihte ihn Bischof Leo Nowak zum Priester. An der Kirche Peter und Paul in Zeitz kümmerte er sich fortan als Vikar vor allem um die Kinder- und Jugendarbeit. Ein schöner Auftakt: „So eine erste Stelle gleicht in der Erinnerung einer ersten Liebe.“
Ich wollte den Westen erfahren, raus aus dem DDR-Dunst.
In den vergangenen Jahrzehnten folgten viele Pfarr- und Lebensorte. „Früher wurde man Pfarrer und blieb in der Regel an diesem Ort bis ans Ende der Lebenszeit. Heute erlebe ich schnelle Wechsel, um Personallöcher zu stopfen“, sagt er. Sein Weg führte ihn Ende der 1990er Jahre ans Sankt-Michaels-Haus in Roßbach, die Jugendbildungsstätte des Bistums. Er organisierte Fortbildungen und Fahrten für junge Gemeindemitglieder. „Ich erlebte das zunehmend als kräftezehrend. 2006 habe ich mir eine Auszeit genommen und bin vier Wochen pilgern gegangen, ganz so wie es Hape Kerkeling zu jener Zeit in seinem Buch ,Ich bin dann mal weg’ beschrieben hatte.“
Er übernahm für einige Jahre die Pfarrei in Wernigerode, wechselte dann nach Haldensleben und kam schließlich 2020 zurück in den Harz – zunächst nach Quedlinburg und Ballenstedt. Seit 2023 ist er in Halberstadt in St. Burchard zu Hause und betreut etwa 1500 Katholiken. Runge ist das Kistenpacken und Umziehen gewohnt. „Der Herr hält immer neue Aufgaben für mich bereit“, sagt er. Dass Pfarrer turnusmäßig versetzt werden, empfindet der 58-Jährige gleichzeitig als Vor- und Nachteil. „Man muss sich immer auf neue Situationen einstellen, innovativ sein, das ist gut. Aber um Vertrauen bei den Menschen aufzubauen, sind fünf oder acht Jahre wenig.“
Die Personalknappheit verändere auch in der katholischen Kirche die Strukturen und Aufgaben. „Wir müssen uns ziemlich nach der Decke strecken. Das Bild vom Pfarrer, der jederzeit vor Ort ist, können wir in die Schublade packen“, sagt er. Viele Gemeinden der Region haben heute keinen eigenen Pfarrer mehr, sondern werden von sogenannten Pfarreileitungsteams betreut. Mehrere Pfarrer, Diakone und Gemeindereferenten teilen sich die Aufgaben, sind mal hier und mal dort im Einsatz. Er selbst ist „Geistlicher Motivator“ für das Team der Pfarrei St. Burchard, zu der die Halberstädter Andreaskirche und die Katharinenkirche, aber auch die katholischen Kirchen in Aderstedt und Gröningen, gehören.
Das Bild vom Pfarrer, der jederzeit vor Ort ist, können wir in die Schublade packen.
Wie gehen er damit um, dass zunehmend Kirchenbänke leer bleiben? Alte Gemeindemitglieder versterben, jüngere treten aus. Winfried Runge sind die Gründe bewusst: „Entfremdung von der Kirche, fehlende Bindung, Glaubensverlust, Glaube, ohne dafür eine Kirche zu brauchen, persönliche Enttäuschungen, Reformstau, der Tatbestand und die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch, Einsparung der Kirchensteuer“, zählt er auf. Trotzdem fühle er keine Hoffnungslosigkeit, sondern vertraue auf Gott und die Erneuerung. „Kirche kann wieder lebendig werden, wenn sie sich verändert. Warum soll es keinen Neuaufbruch und ein neues Suchen geben?“, fragt er.
Mit Blick auf die aktuelle Weltlage mag man meinen, dass Menschen vermehrt Halt und Zuversicht suchen und die Kirche ein Ort sein kann, der ihnen genau das gibt. „Ja, in schweren Zeiten suchen Menschen Stütze im Glauben, aber davon profitieren eher die Freikirchen“, räumt der Pfarrer ein. In einem atheistisch geprägten Land müsse man sich den Realitäten stellen. Während in seiner eigenen Schulzeit noch drei bis fünf kirchlich geprägte Kinder in einer Klasse waren, sind diese heute sehr vereinzelt – und es gelte, sie zusammenzubringen. Dieses Jahr erlebten in Halberstadt und Wernigerode 28 Kinder ihre Erstkommunion, 26 Jugendliche die Firmung. Immer mal wieder gibt es Erwachsene, die den Weg zum Glauben finden und sich taufen lassen. „Das sehe ich als kleines Hoffnungszeichen. Unsere Quellen sind nicht versiegt, sie sprudeln nur derzeit nicht übermäßig stark.“