In der Reihe „Späte Jahre“ erzählt die 90-jährige Christa Strube aus Klein Quenstedt von ihrer Kindheit auf dem Bauernhof, von Enteignung und Neuanfang, von harter Arbeit, Zusammenhalt und dem Wandel des Dorflebens.
„Auf den Fotos aus der Kindheit erkennt man mich immer sofort: Ich bin die mit den langen, dicken Zöpfen. Meine ersten zehn Lebensjahre habe ich in Anderbeck verbracht, wo ich trotz des Krieges eine schöne Kindheit hatte. Wir hatten immer genug zu essen, weil meine Eltern einen großen Bauernhof besaßen. Sie bewirtschafteten Ackerflächen und hatten Angestellte, die ihnen halfen. Für uns Kinder gab es viele Freiheiten, aber natürlich auch Regeln, an die wir uns zu halten hatten. Wenn die Großmutter mitbekam, dass ich etwas angestellt hatte, sperrte sie mich im Zwischenraum einer Doppeltür ein. Das fand ich furchtbar.
Als ich etwa zehn Jahre alt war, verloren wir unser Zuhause. Im Zuge der Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone wurden Großbauern enteignet. Wir mussten alles zurücklassen, was wir hatten. Ich kann mich daran erinnern, dass 1946 plötzlich der Bürgermeister mit einigen Russen vor der Tür stand und wir auf einem Lkw abtransportiert wurden. Mein Vater war damals noch in Kriegsgefangenschaft; meine Mutter, die Großmutter und uns Kinder brachte man an diesem Tag in ein Lager, das zuvor ein KZ gewesen war.
„Das Wichtigste ist, im Alter nicht allein zu sein", sagt Christa Strube. Foto: Dana Toschner/Ideengut
Wir konnten von dort glücklicherweise fliehen und kamen vorerst in Quedlinburg im Haus meiner Großmutter mütterlicherseits unter. Dort lebten wir beengt, aber wir Kinder konnten wieder zur Schule. Später zogen wir nach Halberstadt in den Spiegelsbergenweg, und ich machte Abitur an der Käthe-Kollwitz-Schule. Eigentlich wollte ich Garten- und Landschaftsarchitektin oder Biologin werden, aber man verwehrte mir einen Studienplatz, weil mein Vater Großbauer gewesen war. Ich entschied mich dann erstmal für eine Ausbildung zur Stenotypistin und bekam eine Stelle im Institut für Kulturpflanzenforschung in Gatersleben.
Bei einer Feier in der Gaststätte auf dem Regenstein lernte ich meinen Mann kennen. Henning Strube war Landwirt und hatte mit seinen Eltern einen Hof in Klein Quenstedt. Dort bin ich mit eingezogen, ordnete mich unter und tat, was getan werden musste. Wir waren noch nicht lange verheiratet, als sein Vater starb und die Schwiegermutter pflegebedürftig wurde. Ich kümmerte mich, schlief sogar neben ihr im Ehebett. Man stellte das damals nicht in Frage, sondern machte es einfach. Sie brauchte Hilfe, also half ich.
Mein Mann war nicht nur mit mir, sondern auch mit seiner LPG verheiratet, sage ich gern. Henning war der Vorsitzende der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft „Fortschritt Klein Quenstedt“, zu der auch unser Hof gehörte. Wir hielten Kühe und Schweine, ich kümmerte mich um die Hühner, die Enten und molk jede Menge Ziegen. Kartoffeln und Gemüse bauten wir selber an. Der Garten war mein Reich.
„Wir mussten Haus und Hof zurücklassen – alles, was wir hatten.”
Mit der Hochzeit und meiner Arbeit als Sekretärin bei der LPG wurde ich schnell Teil des Dorfes. In den DDR-Jahren waren wir hier wie eine große Familie. Wir haben zusammen gearbeitet und oft auch gefeiert. Man half einander. Jeder kannte jeden, und jeder wusste so ziemlich alles über die anderen im Dorf. Wir haben bei Schlachtefesten und Volksfesten zusammen gesessen oder uns zum Schützenfrühstück getroffen.
Mit der Wende wurden wir dann wieder selbstständige Bauern, sogenannte Wiedereinrichter. Damit sich das lohnte, pachteten wir zusätzliche Ackerflächen. Das Leben ging weiter, wenn auch auf etwas andere Weise. Stück für Stück verschwand Vieles aus dem Dorf. Heute gibt es keinen Konsum, keine Gaststätte, keinen Bäcker, keinen Fleischer, und auch die Feste fehlen. Ich bedaure, dass Klein Quenstedt nur noch eine Schlafstätte ist. Zum Glück haben wir den Kindergarten und die Kirche.
Ich habe mein Leben hier immer gemocht und mich aufgehoben gefühlt. Auch als mein Mann 1998 gestorben ist, war ich nicht allein. Für Einsamkeit hatte ich wegen meiner vielen Ehrenämter gar keine Zeit. Kirchgemeinde, Heimatverein, Seniorenbeirat, Volkssolidarität – ich hatte immer etwas vor.
Meinem Sohn habe ich damals gleich den Hof übertragen. Wir kommen gut miteinander aus. Er lebt mit seiner Familie im oberen Geschoss, ich unten. Jeder lässt den anderen machen und redet ihm nicht rein.
Für mich ist es ein beruhigendes Gefühl zu wissen, dass die Familie in der Nähe ist, wenn ich sie brauche. Trotzdem bin ich froh, dass ich mit meinen 90 Jahren noch gut allein zurechtkomme. Man will den Kindern und Enkeln nicht zur Last fallen. Ich habe mir angewöhnt, jeden Tag so zu nehmen, wie er kommt. Wenn ich schlecht Luft bekomme, gehe ich die Dinge langsamer an; und wenn der Körper sagt, es reicht, lege ich mich aufs Sofa und mache ein Nickerchen.
Ich fahre nach wie vor Auto, kann mich also um meine Einkäufe kümmern oder mich auf den Weg nach Halberstadt machen, wenn sich die Senioren in der Moritzkirche treffen oder der Chor von „Freunde fürs Leben“.
Das Wichtigste ist, im Alter nicht allein zu sein. Wenn ich im Austausch mit anderen bin, spüre ich die Lebenslust wie eh und je. Es ist mir wichtig, zuzuhören, wenn jemand Sorgen hat, Anteil zu nehmen. Man sollte einander beistehen und auch mal selbst die Schnute halten können.“