Karl Anton, Maler und Autor, ist im vergangenen Jahr verstorben, aber er lebt in Halberstadt fort – in seinen Bildern und in den Erinnerungen seiner Freunde. Hier, in seiner Wahlheimat, fand er zur Kunst, fand Inspiration und Zuspruch. Die Retrospektive „Karl Anton. Große Freiheit – Halberstadt“ im Schraube-Museum würdigt sein Werk.
Manche Lebenswege verlaufen nicht geradlinig. In der Regel sind es genau diese Wege, die besonders viel zu erzählen haben. Karl Anton konnte viel erzählen. Sein Weg führte ihn vom Gefängnisdirektor zum freischaffenden Künstler und Autor, von Halberstadt nach Leipzig und mit seiner Kunst weit über Deutschland hinaus. Nun kehrt sein Werk noch einmal dorthin zurück, wo seine künstlerische Entwicklung ihren Anfang nahm.
Vom 19. September 2026 bis zum 28. Februar 2027 zeigt das Schraube-Museum in der Voigtei 48 die Retrospektive „Karl Anton. Große Freiheit – Halberstadt“. Der Anlass ist ein trauriger: Karl Anton starb am Neujahrstag 2025 im Alter von 71 Jahren in Leipzig.
Sein Sohn Marcus Barwitzki und Freunde haben sich entschlossen, ihm in Halberstadt eine Retrospektive zu widmen. Die Ausstellung versammelt etwa 50 Arbeiten aus fünf Jahrzehnten seines Schaffens – Malerei, Grafik und Kleinskulpturen. Darunter sind Werke, die lange nicht mehr ausgestellt worden sind, und andere, die erstmals öffentlich gezeigt werden. Etwa die Hälfte der Arbeiten ist in Halberstadt entstanden.
Dass diese Ausstellung ausgerechnet hier stattfindet, ist kein Zufall – die Stadt ist in Karl Antons Vita schließlich weit mehr als eine Fußnote. Er kam 1991 hierher, um die Leitung der Justizvollzugsanstalt zu übernehmen. Ziemlich schnell war damals zu spüren, dass er seine Aufgabe ein wenig anders interpretierte, als es die Stellenbeschreibung erforderte.
„Der Absprung“ entstand im Jahr 2024 in Leipzig. Es war Karl Antons letztes Bild. Abbildung: Marcus Barwitzki
So erinnert sich mancher zum Beispiel an Bonny und Clyde, zwei Schafe, die zwischen den Sicherheitszäunen der Haftanstalt das Gras kurz hielten. Karl Anton ließ zudem die Fresken in der Kapelle der JVA freilegen. Und am Herrentag organisierte er ein Volleyballturnier, bei dem Mannschaften von Häftlingen im Gefängnishof gegen ein Halberstädter Frauenteam spielten. Heute unvorstellbar.
Dennoch wurden ihm die beruflichen Mauern schließlich zu eng. Reisen prägten ihn, insbesondere eine Australienreise im Jahr 1995. Sein Interesse an der Malerei wuchs, erste Ausstellungen folgten.
2003 gab Karl Anton schließlich seine Position als Leiter der JVA Halberstadt auf, zog wenig später nach Leipzig und widmete sich fortan ganz der Kunst. Der Titel der Retrospektive – „Große Freiheit – Halberstadt“ – bekommt vor diesem Hintergrund eine besondere Bedeutung.
Die Retrospektive „Karl Anton. Große Freiheit – Halberstadt“ blickt zurück auf das umfangreiche Schaffen des Künstlers. Archivfoto: Dana Toschner / Ideengut
Für Karl Anton war Kunst alles andere als ein sicherer Hafen. Sie war Abenteuer und Reise. Seine Haltung beschrieb er selbst als Aufbruch „raus aus der Komfortzone und hinein ins Ungewisse“. Serien wie „The Red Collection“, „Punctum“, „Flores“ oder „Das kleine Theater“ markieren Stationen dieser künstlerischen Reise.
Die Retrospektive will deshalb nicht nur zurückblicken. Sie soll Karl Antons Werk, seine Leidenschaft und die Inspiration würdigen, die von ihm geblieben ist. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht eine farbintensive, expressive Halberstadt-Darstellung mit Domtürmen, Figuren und einem großen Auge – ein Motiv, das den Blick auf die Stadt auf ganz eigene Weise verdichtet. Eine seiner ersten Arbeiten.
Karl Anton wollte mit seiner Kunst die emotionale Seite der Betrachter erreichen. Menschen, so seine Überzeugung, hielten sich „häufig zu sehr am Rationalen fest“. Stattdessen sollten sie sich Zeit nehmen und Bilder auf sich wirken lassen. „Der Inhalt soll nicht erkannt, sondern gefühlt werden“, sagte er.
„Der Inhalt soll nicht erkannt, sondern gefühlt werden.“
Karl Antons Ausdruckslust beschränkte sich nicht auf Farben und Formen. Er war auch Autor. Zu seinen Veröffentlichungen gehören die Kriminalromane „Die Russenpistole“ von 2006 und „Fünf Stäbe“ von 2008 sowie die lyrische Reisebeschreibung „Kaperfahrt“ aus dem Jahr 2009.
Seine bildnerischen Arbeiten wiederum waren in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland zu sehen – unter anderem in Bonn, Hamburg, Magdeburg, Cannes, Plovdiv, Brüssel, Wernigerode und Halle.
Im Leipziger Stadtteil Stötteritz führte er gemeinsam mit einem Freund die kleine Stritz-Galerie. Die Räume waren zugleich sein Atelier. Die beiden luden andere Künstler, Musiker und Autoren ein, veranstalteten Ausstellungen, kleine Konzerte und Lesungen. Auch wenn Leipzig, die Heimat seiner Frau Greta, für Karl Anton längst Herzensort geworden war, ließ er Halberstadt nie ganz los. Hier hatte er etwa zehn Jahre verbracht. Hier begann sein künstlerisches Schaffen. „Wie prägend diese Zeit für seine Arbeit war, sieht man in seinen Bildern“, sagt sein Sohn Marcus Barwitzki, der ebenfalls Künstler ist, in Magdeburg lebt und die Ausstellung in Halberstadt kuratiert. „Hier entwickelte er bereits jene Farb- und Bildgestaltungen, die seine Werke unverwechselbar machen.“ So gehen die Serien „Punctum“ oder „The Red Collection“, die später in Leipzig entstanden und mit denen Karl Anton seine größten Erfolge feierte, auf in Halberstadt entwickelte Gestaltungsprinzipien zurück.
Die Retrospektive ist also mehr als eine Zusammenstellung von Bildern. Sie erzählt von einem Mann, der in Halberstadt eine neue Freiheit für sich entdeckte: die Freiheit der Kunst.