Mit 80 traut sich diese Frau noch Sachen, zu denen manch 40-Jähriger der Mumm fehlt: Prof. Dr. Heike Tönhardt spricht in unserer Reihe „Späte Jahre“ über Mut und Lebensfreude, über Einsichten und Verluste, die Kunst des Älterwerdens und die Freude an den kleinen Wundern des Alltags.
„Ich bin jetzt 80 Jahre alt, und manchmal wundere ich mich selbst darüber. Altwerden geschieht schleichend. Man merkt, dass die Kraft ein bisschen nachlässt, dass das Gleichgewicht nicht mehr ganz so sicher ist wie früher. Aber gleichzeitig wächst etwas anderes: die Freude darüber, überhaupt noch da zu sein und das Leben zu erleben. Je älter ich werde, desto mehr spüre ich: Jedes weitere Jahr ist herrlich.
Geboren wurde ich 1946 in Langenstein – als Hausgeburt in einem eisigen Winter. Mein Vater musste die Hebamme mit dem Schlitten holen. Wir lebten in einfachen Verhältnissen, aber meine Schwester Helga und ich hatten eine glückliche Kindheit. Die Eltern haben alles möglich gemacht, sodass wir in den Nachkriegsjahren von Hunger und Entbehrungen wenig spürten. Mein Vater hielt Kaninchen und Schweine, baute Kartoffeln an. Vor allem aber waren wir Kinder geliebt. Eine Kindheit ohne Kummer und Sorgen – das ist ein schönes Gefühl, das einen ein Leben lang stärkt.
Unsere Eltern haben viel mit uns unternommen. Wir wanderten im Harz, besuchten die Halberstädter Museen, waren im Theater. Das hat uns geprägt. Ich habe früh gelernt, die Natur wahrzunehmen und mich an kleinen Dingen zu freuen. Vielleicht kommt mir das heute im Alter zugute. Wenn ich morgens aus dem Küchenfenster schaue und die Pferde angelaufen kommen oder der Morgennebel überm Feld steht, empfinde ich diese Schönheit viel intensiver als früher.
Ein Leben zwischen Dorfkindheit und Wissenschaftskarriere: Prof. Dr. Heike Tönhardt empfindet jedes neue Lebensjahr als Geschenk. Foto: Dana Toschner / Ideengut
Unsere Familie zog aus Langenstein weg, weil mein Vater eine neue Arbeitsstelle bekam. Ich machte Abitur in Haldensleben und entschied mich schließlich für ein Studium der Veterinärmedizin in Berlin. Vorher musste ich allerdings noch eine Facharbeiterausbildung in der Rinderzucht machen. Ich mochte die Arbeit. Um drei Uhr früh wurden die Tiere auf die Weide getrieben, und ich musste sie hüten. Sobald sich die erste Kuh zum Wiederkäuen niederlegte, setzte ich mich daneben, lehnte mich an ihren warmen Bauch und habe gelesen. Das waren friedliche Stunden.
In Berlin begann dann ein ganz anderes Leben. Ich studierte an der Humboldt-Universität, promovierte über männliche Hormone beim Schwein und blieb an der Universität, weil mich die Wissenschaft faszinierte. Man berief mich zur Dozentin für Biochemie. Ich habe gern gearbeitet und war ehrgeizig. Wenn andere baden gingen, saß ich oft im Keller über Büchern und bereitete die Seminare oder Vorlesungen vor. Studenten merken sofort, ob jemand im Hörsaal nur sein Pensum abspult oder tief in der Materie steckt. Wenn du sie in der Vorlesung erreichen willst, musst du sicher im Stoff sein und das Thema mit ehrlicher Begeisterung rüberbringen.
In den 1980er Jahren konnte ich an einem spannenden Weltraumforschungsprojekt mitarbeiten: Wir schickten bebrütete Vogeleier für einen bestimmten Zeitraum mit der sowjetischen Sojus zur Raumstation MIR und untersuchten anschließend die Veränderungen im Organismus unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit.
Mit der Wende öffnete sich uns Wissenschaftlern zuerst der andere Teil der Stadt und dann die Welt. Die Veterinärmedizin aus Ost- und Westberlin wurde zusammengelegt und war fortan an der Freien Universität Berlin beheimatet. Ich wurde zur Professorin für Veterinär-Physiologie berufen und war in der Lehre und Forschung tätig. Dass wir nun zu Kongressen nach Australien, China oder Neuseeland reisen konnten, war fantastisch. Für jemanden, der in der DDR aufgewachsen war, fühlte sich das geradezu unwirklich an.
„Wie viel Lebensfreude man empfindet, liegt auch in der eigenen Verantwortung.“
Natürlich bestand mein Leben nicht nur aus Arbeit. Ich lernte meinen Mann kennen, heiratete, und 1975 bekamen wir unseren Sohn. Wir ließen uns noch vor der Wende scheiden. Als meine ein Jahr jüngere Schwester bei einem Verkehrsunfall verunglückte, erlebte ich den schwersten Verlust meines Lebens. Manche Wunden verschwinden nie ganz. Ich unterstützte meine Nichte.
Mit 65 wurde ich eremitiert. Eigentlich hätte ich gern noch länger gearbeitet, aber meine Mutter lebte inzwischen wieder hier in Langenstein, war 87 und wollte nicht allein sein. Also zog ich zurück in meine Heimat.
Der Abschied von Berlin fiel mir nicht leicht. Nach all den Jahren in der Wissenschaft plötzlich wieder in einem Dorf zu leben, war eine Umstellung. Aber ich bin hier unglaublich herzlich aufgenommen worden – besonders von den Frauen aus der Sportgruppe. Das ist eine so tolle Truppe, das kann ich gar nicht beschreiben. Da fühle ich mich sauwohl.
Man muss im Alter aufpassen, dass man nicht einsam wird. Natürlich kann man sich zurückziehen und den ganzen Tag nur vor dem Fernseher sitzen, aber dann besteht die Gefahr, dass man vergammelt. Man braucht einen Rhythmus. Ich habe für jeden Tag ein Programm: Sauna, schwimmen, wandern, Gymnastik und kleine Unternehmung mit meiner 86-jährigen Cousine – das alles versäume ich ungern.
Wie viel Lebensfreude man empfindet, liegt auch in der eigenen Verantwortung. Ich versuche, offen zu bleiben, mag es, unter Menschen zu sein und gesellige Runden durch Witze aufzuheitern. Ich besuche kulturelle Veranstaltungen in Halberstadt oder auch hier in Langenstein, wo wirklich viel geboten wird.
Angenehm am Älterwerden finde ich, dass die Wünsche kleiner werden. Zum 80. Geburtstag war mein einziger Wunsch eine edle Flasche Whisky. Ich freue mich über ein gutes Buch, einen lustigen Abend mit Freunden, über den Frosch, der aus dem Nachbargarten zu mir rüberhüpft und das Reh im Winter am Waldrand.
Natürlich mache ich mir Gedanken darüber, wie es einmal weitergeht. Ich hoffe, dass ich lange selbstständig bleiben und Auto fahren kann. Sollte es irgendwann nicht mehr gehen, ziehe ich ins betreute Wohnen. Das wäre auch keine Katastrophe. Dass irgendwann Schluss ist, ist ja kein Geheimnis.
Vielleicht halten mich auch die leicht verrückten Sachen länger lebendig, die ich wage: Letztens bin ich die 110 Meter lange Rutsche im Harzturm in Torfhaus hinuntergerutscht. Das machen nicht viele 80-Jährige, oder?“