Martini - das optimistische Halberstadt-Magazin

„Jeder Tag ist eine Wundertüte“

Er war „Herr Schön“, Vorleser, Missionar für Bücherliebe – und irgendwann einfach nur erschöpft. Thomas Borchmann erzählt, wie er an einem toten Punkt den Entschluss fasste, seinen Beruf aufzugeben. Heute begleitet der 56-Jährige Menschen mit Behinderungen durch ihren Alltag. Mitten im Lärm der Welt hat er sich bewusst für die leisen Aufgaben entschieden.

Als ich die Entscheidung traf, meinen Beruf aufzugeben, war ich an einem ziemlich toten Punkt angelangt. Dabei hatte ich viele Jahre richtig gern als Buchhändler gearbeitet. Nach meiner Ausbildung in Wolfenbüttel war ich zunächst in Wernigerode und kam dann nach Halberstadt. 2015 eröffneten wir hier ein zweites Geschäft, unsere Kinderbuch-Filiale Schönherr Junior. Das hat meine Liebe zum Beruf nochmal so richtig bestärkt. Vormittags war ich in den Kindergärten und Schulen der Region unterwegs und habe vorgelesen. Wobei es eher One-Man-Shows waren als normale Lesungen, denn ich habe die Geschichten wie ein Schauspieler performt. Die Kinder haben das geliebt, und mich beflügelte es, denn ich verstand mich als eine Art Missionar für das Lesen. Ich wollte, dass Kinder und Jugendliche ihre Handys mal beiseite legen und erkennen, dass es in Büchern ganze Welten zu entdecken gibt. Wenn sie dann nachmittags in den Laden kamen und mich dort antrafen, war das einfach wunderbar.

Auch wenn mir klar war, dass ich nicht alle Kinder zu begeisterten Lesern machen werde, hat mir dieser Teil der Arbeit einige Jahre richtig Spaß gemacht. Wir haben dann zusammen mit der Agentur IdeenGut die Figur des Herrn Schön entwickelt, sozusagen mein zweites Ich. Mich gab es fortan als Pappaufsteller, als Aufkleber und Anzeigenmotiv. Ich war Herr Schön – die Kunden liebten diese Figur. Damit einher ging das Gefühl, unersetzlich zu sein.

Ich habe gebrannt für meine Arbeit, allerdings an beiden Enden. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich nicht mehr konnte. Ich fühlte mich ausgeglüht. Ich versuchte, weniger Vorlese-Termine anzunehmen, aber es gelang mir nicht. Ich bin einfach nicht gut darin, Nein zu sagen. Meine Frau Wiebke, die das Geschäft gemeinsam mit einer weiteren Kollegin führt, versuchte, sich schützend dazwischen zu werfen. Aber Anfragen, die sie für mich ablehnte, nahm ich dann doch zwei Tage später an.

2022/23 wurde ich immer missmutiger, fühlte mich ausgezehrter und erschöpfter. Mein Hausarzt schrieb mich krank und empfahl mir unter anderem, jeden Tag einen DEFA-Märchenfilm zu gucken. Was für ein schöner Ratschlag, der für den Moment auch half.

Mein Ausgebranntsein verstärkte sich durch die Erkenntnis, dass mein Tun immer vergeblicher wurde. Ich realisierte, dass sich die Aufmerksamkeitsspanne der Kinder von Jahr zu Jahr verkürzte. Sie konnten den Texten, die für ihre Altersgruppe geschrieben waren, oft gar nicht mehr folgen. So strich ich die Geschichten zusammen, die ohnehin inhaltlich immer flacher wurden. Wenn ich dann meine Leseshow begann und sah, wie eine Lehrerin in der letzten Reihe ihr Handy aus der Tasche holte und darauf herum wischte, statt zuzuhören, hätte ich an die Decke gehen können.

Ich stemmte mich ganz offensichtlich gegen eine Entwicklung, die nicht aufzuhalten war. Das entmutigte mich. Ich war desillusioniert, ernüchtert und hatte keine Widerstandskraft mehr. Wenn wenig gelesen wird, verlernen die Menschen, sich in andere hineinzudenken und einzufühlen. Es war zum Heulen, aber mir fehlten die Tränen. 

Ich habe gebrannt für meine Arbeit. Allerdings an beiden Enden.

Ich wusste, so konnte es nicht weitergehen und sah keinen Weg, der mich da raus führen würde. Den zeigte mir ein Mann, dem ich mehr oder weniger regelmäßig bei meiner Hunderunde begegne. Er war selbst Quereinsteiger in seinem Beruf und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, für das Cecilienstift zu arbeiten und Menschen mit Behinderungen zu betreuen.

Das mache ich jetzt seit eineinhalb Jahren und stelle mir vor beinahe jedem Arbeitstag morgens noch immer die Frage: Schaffe ich das? Unser Team betreut erwachsene Menschen mit Sinnes- und mehrfachen Behinderungen, die in verschiedenen Wohnungen eines Mietshauses leben. Sie brauchen zum Beispiel Unterstützung beim Einkaufen, Kochen, bei der Körperpflege und dabei, die Wohnung sauber zu halten. Manchmal wünschen sie aber auch einfach nur ein bisschen Gesellschaft oder jemanden, der ihnen beim Gute-Nacht-Sagen nochmal über den Kopf streicht.

Ich hatte von Anfang an keine Hemmungen im Umgang mit den Bewohnerinnen und Bewohnern und würde heute sagen, dass mich die überwiegende Zahl unserer Schutzbefohlenen ins Herz geschlossen hat. Dabei fassen sie gar nicht so schnell Vertrauen. Sie haben schon viele Helfer kommen und gehen gesehen, also warten sie erstmal ab, ob du wirklich bleibst.

Für mich ist es herausfordernd, dass bei dieser Arbeit jeder Tag eine Wundertüte ist – so hat es ein Kollege treffend formuliert. Du weißt nie, was dich erwartet. Ich war eigentlich immer ein Planer und Stratege, jemand, der es schätzt, vorbereitet zu sein. Hier aber ist Improvisationstalent gefragt. Ich denke, ich stelle mich gar nicht ungelenk an, aber meine ursprünglichen Bestecke, also Charme und Esprit, die kann ich in der Schublade lassen. Was ich sehr schätze, ist, dass ich immer wieder Neues lerne. Gerade übe ich mich im Gebärden. Ähnlich wie im alten Beruf stelle ich immense Forderungen an mich und an das, was ich tue. Wenn die Latte hoch liegt, lege ich sie gern noch ein Stück höher. Das kann man nicht abschütteln. So frage ich mich auf dem Heimweg oft, ob ich in einer Situation besser oder anderes hätte reagieren können.

Meine Aufgabe sehe ich darin, die Menschen, die ich betreue, positiv zu bestärken und ihnen ein bisschen Glück zu bescheren. Mit Glück meine ich jene Momente, die jenseits der normalen Alltagsorganisation sind. Die kleinen Extras. Gut ist für mich ein Tag gelaufen, wenn wir Zeit für ein Kartenspiel gefunden haben, für eine Vorlese-Geschichte, für einen Kinobesuch oder einen Ausflug in die Kirche zum Chor der Nichtsänger.

Möglicherweise bin ich etwas zu weich, nicht streng genug. Als Vater meiner drei Kinder war ich auch schon so. Das Autoritäre liegt mir nicht. Hier bei der Arbeit möchte ich eine Art väterlicher Freund sein. Ich sehe meine Aufgabe darin, zu raten und zu leiten, aber immer mit Güte.

Wenn ich in unsere Welt blicke und so vieles sehe, was mich ängstigt und wütend werden lässt, dann denke ich, dass ich das neue Lebenskapitel genau zum richtigen Zeitpunkt aufgeschlagen habe. Wenn alles tost und lärmt, dann ist es vielleicht genau das Richtige, jetzt zu den Schwächsten zu gehen – zu jenen, denen du mit einem Nudelgericht eine Freude machen kannst.
Also wenn ich mich morgen früh wieder frage, ob ich das schaffe, dann antworte ich mir selbst: Ich bin wild entschlossen, ich schaffe das!“

Notiert von Dana Toschner.