Martini - das optimistische Halberstadt-Magazin

„Ist das alles echt?“

Von Berlin in die Voigtei, und vom Zweifel in die Selbstständigkeit: Kim Laura Cayler erzählt, warum der Umzug nach Halberstadt für sie und ihren Mann Simon nicht Verzicht, sondern Freiheit bedeutet. Und wie aus der Frage „Trau ich mich?“ ganz leise ein „Ich mach das jetzt!“ wurde.

Wenn wir bei Freunden in Berlin auf einer Party sind und erzählen, dass wir nach Halberstadt gezogen sind, schauen sie skeptisch. Sie fragen, ob es da überhaupt Ärzte gibt. Die meisten haben überhaupt keine Vorstellung. Ich sage dann: Kommt her und schaut’s euch an! Das Argument, dass es hier bezahlbaren Wohnraum gibt, lässt sie aufhorchen. Es ist ja so, dass man in den Großstädten oft arbeitet, um zu wohnen. Da bleibt nicht mehr viel für Extras übrig. 

Ich bin in Berlin-Tempelhof aufgewachsen und habe zuletzt mit Simon – meinem damaligen Freund und jetzigen Mann – in Mahlow gewohnt, das ist noch Teil des S-Bahn-Netzes, aber eigentlich schon Brandenburg. Wir hatten eine kleine Wohnung, nur 45 Quadratmeter, und hätten aufgrund der Staffelmiete bald 900 Euro dafür zahlen müssen. Spätestens seit wir uns Gretchen, unsere Hündin, angeschafft haben, wurde es eng. Wir haben überlegt, eine Wohnung oder ein Haus zu kaufen, aber in Berlin ist das aufgrund der Preise einfach undenkbar. Wir vergrößerten also den Suchradius. Bezahlbares fanden wir erst in eineinhalb Zugstunden Entfernung von meiner Arbeitsstelle. Wir fragten uns, wie wir leben würden, so isoliert auf diesem Flecken Erde. An einem Ort, an dem wir niemanden kennen.

Bis uns Knall auf Fall der Gedanke kam, dass Halberstadt sehr Vieles vereint, was wir uns wünschen. Simons Familie kommt von hier, und er hat noch Kontakt zu Schulfreunden, die in der Region geblieben sind. Da gab es also etwas, an das wir anknüpfen konnten.

An Berlin hängen unsere Herzen sowieso nicht. Simon war nach seiner Ausbildung zum Zahntechniker und einem Jahr in Irland dorthin gezogen, weil er in die Großstadt auf die große Freiheit hoffte. Und eine Zeit lang fand er es auch richtig cool. Er arbeitete für ein Dental-Start-up – mit Tischtennisplatte, Getränkeautomaten und jeden Freitag Pizza für alle. Aber das Unternehmen kam in Schwierigkeiten, er suchte sich einen neuen Arbeitgeber. Heute arbeitet er ausschließlich am Computer. Was er tut, kann er theoretisch an jedem Ort der Welt tun.

Ich selbst war in Berlin im Kosmetikstudio meiner Mutter angestellt und habe immer so viel gearbeitet, dass ich neben dem Beruf kaum noch ein Leben hatte. Nicht, weil ich musste, sondern weil ich mich dort im Studio so wohl gefühlt habe. Berlin ist sehr divers, aber eben auch laut, schnell, oberflächlich und eng. Jeder macht sein eigenes Ding, dadurch fand ich es schwierig, Bindungen aufzubauen. 

Simon und ich haben uns über eine Dating-Plattform kennengelernt, und ich finde es schön, dass wir ähnlich ticken. Wir mögen es beide, dass wir in unserem Haus die Nachbarn kennen. Einer hat sogar sofort spontan beim Einzug mit angepackt. Die Menschen, denen wir hier in Halberstadt begegnen, wirken nicht so gehetzt und gereizt. Sie sind hilfsbereiter, warmherziger, weniger übellaunig. Da entwickelt sich zum Beispiel mit der Frau an der Supermarktkasse einfach so eine kleine Unterhaltung. Das war in Berlin undenkbar. Wenn du hier nett zu den Leuten bist, kommt das auch zurück.

Für uns ist Halberstadt perfekt, auch weil es so mittig in Deutschland liegt. Wir kommen überall gut hin. Manchmal dauert der Heimweg für die Berliner Freunde nach einer Party genauso lange, wie wir mit dem Auto unterwegs sind. Schließlich müssen die erstmal die komplette Stadt durchqueren. 

Die Menschen hier sind hilfsbereiter, warmherziger, weniger übellaunig.

Auch beruflich habe ich hier mein Zuhause gefunden, weil ich mich endlich getraut habe, mich mit meinem eigenen Kosmetikstudio selbstständig zu machen. Obwohl ich schon 30 bin und meinen Meister gemacht habe, hatte ich Zweifel, ob ich mir das zutraue. Es fühlte sich so erwachsen an. Aber das Team des Innovations- und Gründerzentrums hat mich echt super unterstützt, und nun kann ich zum ersten Mal in meinem Leben meine Ideen genau so umsetzen, wie ich will. Von der Wandfarbe bis zur Preisgestaltung ist alles so, wie es mein Herz ausschüttet.  

Im April 2025 habe ich „Kiko Spa“ in der Voigtei eröffnet. Dass diese Räume leer standen, war ein absoluter Glücksfall. In der Beauty-Branche geht man davon aus, dass man eigentlich vier Jahre braucht, um einen ausreichend großen Kundenstamm aufzubauen. Aber ich denke, ich werde schon nach einem Jahr an diesem Punkt sein.  

Das mag übertrieben klingen, aber ich freue mich echt jeden Tag darüber, dass wir uns für diesen Umzug nach Halberstadt entschieden haben. Manchmal frage ich mich nach dem Aufwachen: Ist das wirklich alles echt?“   

Notiert von Dana Toschner.