Martini - das optimistische Halberstadt-Magazin

„Ich will selbst bestimmen“

Andrea Reilecke erlebte nie die vertraute Geborgenheit einer Familie. Sie wuchs in Kinder- und Jugendheimen auf. Dass es wenig Halt in jenen Jahren gab, wirkt bis heute nach. Depressionen und Angstzustände gehören zu ihrem Leben. Und doch gelang es ihr, sich mit der Unterstützung sozialer Einrichtungen eine weitgehend selbstbestimmte Existenz aufzubauen. Sie ist stolz auf das Erreichte und gewährt einen Einblick in ihre 
Lebens- und Gefühlswelt.

„Acht Kinder- und Jugendheime in 20 Jahren. So steht es in meiner Akte. Da steht auch, dass ich am  8. Mai 1975 in Kroppenstedt geboren wurde. Es war eine Hausgeburt. Das waren die einzigen Minuten, die ich bei meinen Eltern verbrachte. Danach steckte mich das Jugendamt gleich in ein Säuglingsheim. Bei meinen Eltern hätte ich es nicht gut gehabt. Das steht auch in meiner Akte. Nach dem Säuglingsheim kam ich in Dauerheime, Vorschul- und Hilfsschulheime. Auch im Mädchenwohnheim auf dem Domplatz in Halberstadt habe ich eine Zeit lang gewohnt. Später kam ich noch in weitere Einrichtungen. Dann machte ich meine Hauswirtschaftsausbildung im christlichen Jugenddorf in Billberge in der Altmark. Überall, wo ich hinkam, hatte ich neue Menschen um mich. Ständig musste ich an einem neuen Ort neu anfangen.

Ich habe sechs Geschwister. Aber ich kenne die anderen nicht. Es gab mal Kontakt, aber ich merkte: Das ist nicht der richtige Umgang für mich. Es bringt mein Leben nur durcheinander. In den Heimen traf ich meist auf nette Menschen und wurde gut erzogen. Aber es war trotzdem schwer. Kein Elternhaus, keine Familie, keine Liebe. Dafür immer andere Erzieher, ständig neue Regeln. Es war auch schwer, immer neue Freunde zu finden. Ich vertraue Leuten nicht gleich.
Die Kindheit im Heim bringt mein Leben bis heute durcheinander. Ich habe Depressionen, Schizophrenie, ein Angst- und Persönlichkeitsstörung. Für mich hat das mit meiner Kindheit zu tun. Auf meine Eltern bin ich wütend. Ich kann ihnen das nie verzeihen.

Trotzdem gibt es Menschen, die für mich sehr wichtig sind oder waren. Zum Beispiel Christine Rütting, die viele Jahre beim Jugendamt gearbeitet hat, oder mein Erzieher Hans-Joachim Mertens. Zu ihm habe ich immer Kontakt gehalten. Jeden Sommer war ich bei ihm eingeladen. Er hat mir schöne Tage geschenkt: Urlaub, Ruhe, Geborgenheit. Später, nach dem Tod seiner Frau, war ich mehrmals im Jahr bei ihm. Für mich war Hans-Joachim ein Ersatz-Papa. Als er im letzten Jahr gestorben ist, ging es mir sehr schlecht.

Meine Schule war eine Hilfsschule mit einem Abschluss der achten Klasse. Mehr ging damals nicht. 1995 war ich fertig. Danach hat mir das Jugendamt die erste Wohnung am Johannesbrunnen besorgt. Endlich nicht mehr im Heim. Ich war allein, aber auf eigenen Füßen. Das habe ich bis heute durchgehalten. Darauf bin ich stolz. Auch wenn ich mein eigenes Reich habe, brauche ich manchmal Hilfe, zum Beispiel wenn es mir nicht gut geht oder ich einen Antrag stellen muss.

Nach meinem Abschluss steckte mich das Arbeitsamt in ständig wechselnde Projekte. Das war eine sehr unruhige Zeit, ich war immer wieder krank. Keiner wollte eine psychisch anfällige Frau mit Achte-Klasse-Abschluss auf Dauer haben. Am 1. September 2001 ging es dann mit der Diakonie-Werkstatt los. Dort habe ich viele Jahre gearbeitet. Das war eine Schutzglocke, für die ich sehr dankbar war. Ich hatte einen festen Tagesablauf, eine feste Struktur. Das fand ich gut. Früh hin, Aufgaben haben, mit Menschen zusammen sein, die ich kenne, und am Nachmittag wieder nach Hause. Das war ein guter Rhythmus. 

In der Werkstatt habe ich Buchbinden gelernt. Nach zwei Jahren im Berufsbildungsbereich hatte ich meinen Arbeitsplatz in der Buchbinderei. Dafür habe ich ein Zertifikat bekommen. Später wurde ich oft allein in der Halberstädter Druckerei Koch-Druck eingesetzt. In einem anderen Betrieb arbeiten, allein hinkommen, etwas schaffen, Anerkennung spüren – das hat mir gefallen.

Aber mit der Zeit wollte ich raus aus der Schutzglocke der Diakonie Werkstätten. Für viele ist das genau richtig, aber ich fühlte mich zunehmend eingeengt, unterfordert, zu sehr beschützt. Dafür haben wir jetzt eine Lösung gefunden. Denn heute bin ich im Gleimhaus. Man nennt das betriebsintegrierter Arbeitsplatz. Organisatorisch läuft das über die Werkstätten, aber morgens fahre ich direkt ins Gleimhaus. In bestimmten Abständen kommt mein Werkstatt-Gruppenleiter und schaut, ob alles in Ordnung ist.

Die Kindheit im Heim bringt mein Leben bis heute durcheinander.

Die ersten Monate war ich in der Museumsaufsicht. Dann kam ich auch in die Restaurierungswerkstatt. Dort helfe ich, Bücher aus Gleims Nachlass zu reinigen. Mittlerweile kann ich auch ein wenig als Buchbinderin arbeiten. Das ist für mich ein schönes Gefühl. Die Kollegen haben mich herzlich aufgenommen und nehmen mich so, wie ich bin. Das tut mir gut.

Allein und eigenständig habe ich die ganze Zeit in verschiedenen Wohnungen gelebt. Unterstützung brauchte ich trotzdem immer wieder. Von 2015 bis 2022 gab es eine gesetzliche Betreuung. Sie hat für mich Wohnungsangelegenheiten, Gesundheitsfürsorge und Behördensachen geregelt. Im Sommer 2022 konnte ich die Betreuung amtlich aufheben lassen. Jetzt hilft mir das Projekt „Ambulant betreutes Wohnen im eigenen Wohnraum“ des psychosozialen Betreuungsdienstes Neue Wege. Auch wenn bei Anträgen Hilfe nötig ist, bekomme ich sie. Dazu unterstützt mich eine Haushaltshilfe. Meine Behördengänge mache ich jetzt allein. Das ist mir wichtig. Denn ich will mein Leben selbst bestimmen. Ich möchte nicht, dass man mir alles abnimmt. Ich brauche mein freies Leben und will allein entscheiden können. Ich wünsche mir Hilfe, wenn ich nicht zurechtkomme, aber trotzdem mein eigenes Leben.

Das Thema Familie ist für mich erledigt. Ein Kind wollte ich nie. Ich hatte Angst, das nicht zu schaffen. Angst, dass das Kind dann auch in ein Heim oder in eine Pflegefamilie muss. Das wollte ich nicht. Familie traue ich mir nicht zu, vor allem, weil ich Angst vor Enttäuschungen habe. Für mich sind heute besonders Feiertage schlimm, da bin ich allein und oft deprimiert. 

Manchmal gönne ich mir ein schönes Essen, eine Zugfahrt, Natur, Spazierengehen. Vögel mag ich sehr: Papageien, Wellensittiche, Pfauen. Früher hatte ich selbst Wellensittiche. Das waren meine Lieblinge.
Wichtig ist mir auch meine Arbeit in der Selbsthilfegruppe für psychisch Kranke. Einmal im Monat leite ich in der Bahnhofsmission die Gesprächsrunden der Gruppe. Da reden wir über Krankheiten, Alltagsprobleme, aber auch über Erfolge und schöne Erlebnisse. Wir hören einander zu. Auch da merke ich, dass ich nicht allein bin.

Kriege, Krankheit und Tod machen mir Angst. Mein Wunsch ist Frieden – auf der Welt, in meinem Umfeld und in mir. Ich möchte gesund bleiben, um weiter arbeiten zu können. Am liebsten im Gleimhaus, und das noch sehr lange. Für mein Glück brauche ich nicht viel: Blumen, einen guten Tag, einen netten Schwatz, ein bisschen Sonne, etwas Anerkennung und freundliche Menschen.“ 

Notiert von Jörg Loose.