Martini - das optimistische Halberstadt-Magazin

„Ich will anders führen“

500 Kilometer trennen Carina Krammers Zuhause von ihrem Arbeitsplatz in Halberstadt. Seit Januar pendelt die 29-Jährige jede Woche ins AMEOS Klinikum, das sie als 
Krankenhausdirektorin führt. Dabei hat sie viel Zeit, um nachzudenken. Etwa über die Frage: Wie gewinnt man das Vertrauen von 700 Mitarbeitenden? „Nicht, indem man alles besser weiß, sondern indem man zuhört“, sagt sie.


Montagmorgen, kurz vor sechs. Carina Krammer sitzt im Auto. Vor ihr liegen rund 500 Kilometer, knapp fünf Stunden Autofahrt und ein Arbeitstag, der selten planbar ist. Sie startet in Pöttmes, einer kleinen schwäbischen Gemeinde zwischen Augsburg und Ingolstadt. Dort haben sie und ihr Mann ihren Lebensmittelpunkt. Ihr Ziel: das AMEOS Klinikum Halberstadt. Bis Donnerstag wird sie bleiben, dann geht’s zurück nach Bayern. Den Freitag verbringt sie im Homeoffice.

So viel Lebenszeit auf der Autobahn klingt nach einer Zumutung. Für die 29-Jährige ist es schlicht Alltag. „Die Frage, wie das überhaupt geht, höre ich oft“, sagt sie und lacht. „Als ich mich hier im Haus vorgestellt habe, trat man mir wahrscheinlich auch wegen des Pendelns erstmal mit Skepsis entgegen. Jeder wollte wissen, wie das funktionieren soll. Ob ich wirklich bleiben will. Ob ich es ernst meine mit meiner Aufgabe hier. Ob man ein Krankenhaus überhaupt aus der Distanz führen kann.“

Die Skepsis kann sie verstehen. Das Klinikum hat in den vergangenen Jahren viele Führungswechsel erlebt. Da entsteht Vertrauen nicht auf Knopfdruck oder durch eine Unterschrift auf einem Arbeitsvertrag. Schon gar nicht gegenüber einer Krankenhausdirektorin, die jünger ist als die Chefärzte und Führungskräfte, die ihr in Gesprächen gegenübersitzen. 
 

Bevor Carina Krammer zugesagt und zu Jahresbeginn die wirtschaftliche Leitung des Klinikums übernommen hat, beschäftigte sie die Frage, wie sie deutlich älteren und erfahreneren Mitarbeitern gegenübertreten wird. „Ich habe mir überlegt, wie ich mich präsentiere, und beschlossen, dass ich einfach bei mir bleibe. Ich trete nicht autoritär auf. Ich bin nicht diejenige, die im Anzug im Chefsessel sitzt und sagt: So und nicht anders machen wir das jetzt. Ich will anders führen, das Vertrauen durch Transparenz gewinnen, die Leute überzeugen, mitnehmen. Ich wünsche mir, dass sie eigene Ideen einbringen und wir ein Team bilden.“
 
Respekt und Wertschätzung seien im Miteinander unverzichtbar. „Ich spreche hier schließlich mit Medizinern, die teilweise schon seit Jahrzehnten Führungsverantwortung haben und über ein enormes medizinisches Fachwissen verfügen. Sie haben sehr viel dafür gearbeitet, heute in verantwortungsvoller Position zu stehen. Natürlich interessiert mich, wie sie die Dinge einschätzen.“

Nahbar zu sein, den direkten Austausch zu suchen, Fragen zu stellen, Einschätzungen  derjenigen zu erbitten, die sich am besten auskennen, und dabei nicht immer streng formell vorzugehen – so sieht sie ihren Führungsstil. „Meine Bürotür steht offen“, sagt Carina Krammer. „Mitarbeitende dürfen gern auch ohne Termin zu mir kommen. Ich muss schließlich wissen, wo’s hakt, wenn ich etwas verändern will.“ 

Gemeinsam mit ihrer Stellvertreterin Jasmin Denz, mit der Krammer sich intensiv austauscht, dreht sie regelmäßig am frühen Abend eine Runde durchs Haus, schaut auf den Stationen vorbei, spricht mit Patienten, fragt nach Problemen. Nicht, um zu kontrollieren, sondern um zu verstehen. „Wir wollen das Krankenhaus besser und besser kennenlernen. Am Anfang dachten viele Mitarbeitende wahrscheinlich: Was wollen die beiden denn jetzt? Haben wir etwas falsch gemacht?“, erzählt sie schmunzelnd. Inzwischen hat man sich im Haus an das Duo gewöhnt, das mit dem Spaziergang einfach nur Interesse zeigt und ansprechbar sein möchte. 

„Manchmal kommt die Sozialpädagogin in mir durch. Neulich habe ich sogar einen Stuhlkreis aufgebaut.“

„Manchmal werden wir auf kleinere Probleme oder ungünstige Abläufe hingewiesen, die sich sofort ändern lassen“, sagt Carina Krammer. Verbesserungen anzustoßen und die Zukunft des Klinikums mitzugestalten – das ist es, was sie motiviert und antreibt. 

Der Weg in die Führungsriege der hiesigen Klinik, zu der der ärztliche Direktor Dr. Per Friedrichsen und die Pflegedirektorin Vivian Leitmann-Ehrler plus die jeweiligen Stellvertreterinnen gehören, hat sich für Carina Krammer eher zufällig ergeben. „Es gab keinen Plan“, sagt sie. Jeder Schritt habe einfach immer zu einem nächsten geführt.

Geboren in Dachau, studierte sie Soziale Arbeit und absolvierte ein Praktikum im Sozialdienst eines Krankenhauses. Dort begann sie, Abläufe zu hinterfragen. Warum wird etwas so gemacht? Warum nicht einfacher? Warum verschwenden Menschen Zeit mit Prozessen, die keinen Sinn ergeben? „Ich kann schlecht wegschauen, wenn ich sehe, dass etwas besser funktionieren könnte“, beschreibt sie.

Die Klinikleitung bemerkte, dass die junge Praktikantin nicht nur Fragen stellte, sondern Lösungen entwickelte. So wurde aus dem Praktikum eine Stelle als Werkstudentin. Parallel absolvierte sie ihren Master im Management von Sozial- und Gesundheitsbetrieben. Es folgten ein Management-Traineeprogramm, die Assistenz in der Regionalgeschäftsführung von AMEOS Süd, später die stellvertretende Klinikleitung in Neuburg an der Donau.

Seit Januar steht sie nun an der Spitze des Klinikums hier in Halberstadt – und ist vermutlich die jüngste Krankenhausdirektorin Deutschlands. Sie kümmert sich hauptsächlich um Controlling und Personal, während ihre Stellvertreterin und Sparringspartnerin Jasmin Denz Bauplanung, Investitionen sowie klinische Prozesse im Blick hat. 
 

Ihren Beruf beschreibt die junge Chefin im Gespräch erstaunlich selten über Zahlen oder Kennziffern, obwohl wirtschaftliche Fragen den Klinikalltag prägen. Stattdessen spricht sie über Menschen, über Vertrauen und über Kommunikation. „Die Zahlen sind letztlich nur eine andere Art und Weise, die Realität abzubilden. Ich brauche sie, weil das Bauchgefühl nicht reicht, um zu sehen, ob uns Maßnahmen und Veränderungen wirklich voranbringen.“

Natürlich müsse ein Krankenhaus wirtschaftlich arbeiten. Es muss investiert, priorisiert und manchmal auch abgelehnt werden. Aber Entscheidungen, findet sie, sollten nachvollziehbar sein. „Ich kann nicht immer Ja sagen. Aber ich kann erklären, warum.“

Diese Transparenz zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Arbeit. Ideen entstehen nicht hinter verschlossener Bürotür, sondern gemeinsam mit Chefärzten, Pflegekräften und Führungsteams. Sie will keine Chefin sein, die fertige Lösungen präsentiert. Sie möchte, dass Mitarbeitende selbst Verantwortung übernehmen und Lust bekommen, Dinge weiterzuentwickeln. „Manchmal kommt die Sozialpädagogin in mir durch. Neulich habe ich sogar einen Stuhlkreis aufgebaut. Das irritiert, der ein oder andere lächelt, aber für mich war es einfach ein Zeichen, dass wir in den Austausch treten wollen“, sagt Carina Krammer. „Wirtschaftlichkeit, gute Prozesse, Humor und Teamgeist schließen sich für mich nicht aus.“

Wer mit ihr spricht, merkt schnell, dass sie weder Lautsprecherin noch Selbstdarstellerin ist. Sie argumentiert ruhig, überlegt, wirkt erstaunlich offen und spricht auch über Zweifel. „Natürlich habe ich mich gefreut, dass AMEOS mir diese Aufgabe zutraut, und gleichzeitig habe ich mich gefragt: Kann ich das überhaupt? Wir Frauen neigen ja dazu, die eigene Kompetenz anzuzweifeln oder uns selbst zu unterschätzen. Ich finde die Aufgabe aber so reizvoll, dass ich entschieden habe, es zu versuchen.“ Mit einer größtenteils weiblichen Führungsspitze will sie das klassische Gefüge aufbrechen.

„Halberstadt schleicht sich langsam ins Herz.“

An die oft zitierte gläserne Decke, die gut qualifizierte Frauen daran hindert, in hohe Management- und Führungspositionen aufzusteigen, ist sie bislang nicht gestoßen. Carina Krammer hat Chancen angenommen, wenn sie sich boten. Und sie hat viel Zeit investiert. „Ich bin eine kleine Perfektionistin und mache die Dinge, die ich angehe, gern mit vollem Eifer. Der Beruf nimmt viel Raum in meinem Leben ein, aber ich sehe das nicht als etwas Störendes. Ich mache das einfach verdammt gerne“, sagt die 29-Jährige.

Ihr Mann trägt diesen Weg mit. Während sie unter der Woche in Halberstadt lebt, organisiert er vieles zu Hause. Am Wochenende gehört die Zeit ihnen und ihrer Katze – möglichst ohne Pflichten und Termine.

Dem Zweitwohnsitz Halberstadt kann sie durchaus etwas abgewinnen. „Die Stadt schleicht sich langsam ins Herz“, beschreibt sie und erzählt, dass sie die Fachwerkhäuser der Altstadt und die Menschen, die ihr so offen begegnen, lieb gewonnen hat. „Hier lässt man sich was einfallen, es ist erstaunlich viel los. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich Montag in der Früh hierher fahre und die Türme wiedersehe.“

Ob sie sich vorstellen kann, länger zu bleiben? Oder plant sie schon den nächsten Karriereschritt? Carina Krammer zögert nicht mit ihrer Antwort: „Ich bin jetzt erstmal angekommen und möchte das Klinikum längerfristig weiterentwickeln. Das Haus hat Kontinuität verdient.“  

Text: Dana Toschner