Unter dem Titel „Schön, dass ihr da seid!“ stellen wir Zuwanderer vor, die in Halberstadt leben, arbeiten und die Gesellschaft mitgestalten. Einer von ihnen ist Alysson Vargas. Der Brasilianer kam nach Deutschland, um Fußball zu spielen. Aus der Profikarriere wurde nichts, aber er arbeitet in seinem Traumberuf als Physiotherapeut.
„Ich bin 2014 wegen des Fußballs nach Deutschland gekommen. Eigentlich wollte ich nur drei Jahre bleiben, etwas erleben, eine Ausbildung machen und dann wieder nach Brasilien zurückgehen. Aber nun lebe ich noch immer hier, bin verheiratet, habe einen Sohn und arbeite als Physiotherapeut.
In Brasilien habe ich Fußball gespielt. Das war mein Traum, aber dort ist vieles anders als in Deutschland. Man wechselt als Fußballer alle paar Monate den Verein, unterschreibt immer wieder neue Verträge. Das ist unsicher und anstrengend. Als ich 19 war, hatte ich darauf keine Lust mehr. Über einen Bekannten meines Vaters bekam ich die Möglichkeit, nach Deutschland zu kommen. Zuerst wohnte ich in Thüringen, dann in der Nähe von Leipzig, lernte die Sprache und spielte Fußball.
2016 kam ich zum VfB Germania Halberstadt. Für die erste Mannschaft reichte mein Können damals noch nicht ganz, deshalb spielte ich zunächst in der zweiten. Aber ich durfte mit der ersten Mannschaft trainieren und aufrücken, als ein anderer Spieler verletzt war.
Es gab Menschen im Verein, die mir sehr geholfen haben, hier meinen Platz zu finden. Sie organisierten eine Wohnung für mich und ein warmes Mittagessen in einer Gaststätte, sie unterstützten mich bei Problemen mit den Behörden und sorgten dafür, dass ich ein Freiwilliges Soziales Jahr beim AWZ machen konnte. Ohne diese Menschen wäre mein Leben wahrscheinlich anders verlaufen.
Alysson Vargas hat in Halberstadt viel Unterstützung erfahren. „Wer als Flüchtling nach Deutschland kommt, hat es viel schwerer“, sagt er. Foto: Dana Toschner / Ideengut
Die Unterstützung war für mich sehr wichtig, um hier wirklich anzukommen. Ich weiß, ich habe viel Glück gehabt. Viele andere Menschen, die nach Deutschland kommen, haben es schwerer. Daran denke ich, wenn ich die Flüchtlinge sehe, die in der ZASt untergebracht sind. Auf engem Raum müssen dort viele Kulturen miteinander auskommen. Sie haben keine Beschäftigung, keine Aufgabe. Ich dagegen hatte den Fußball, konnte im Fitnessstudio trainieren, habe schnell Kontakte geknüpft und durfte arbeiten.
Eigentlich wollte ich schon als Zwölfjähriger Physiotherapeut werden. Nach einer Verletzung musste ich selbst behandelt werden und fand den Beruf faszinierend. Menschen zu helfen, wieder gesund zu werden oder ihren Alltag besser zu bewältigen – das hat mich beeindruckt. Zuerst konnte ich in Halberstadt beim FSZ eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann machen. Danach erfüllte sich mein Wunsch, und ich begann die Ausbildung zum Physiotherapeuten. Seit 2023 habe ich den Abschluss und arbeite in meinem Beruf. Meinem Chef Jack Schubert, dem Inhaber von Personal Impuls, bin ich dankbar, dass er sich immer für mich eingesetzt hat.
Der Beruf ist genau richtig für mich. Die Patienten begegnen mir offen und freundlich. Natürlich fragen viele, woher ich komme. Das finde ich normal. Wenn Menschen sich kennenlernen, interessieren sie sich eben füreinander. Probleme habe ich bei der Arbeit eigentlich nie erlebt. Ein Patient hat sich mal entschuldigt, bevor er sein T-Shirt auszog. Er trug ein Hakenkreuz-Tattoo auf dem Rücken und sagte, dass das ein dummer Fehler in der Jugend war und es bald von einem anderen Tattoo überdeckt werden soll. Ich fand die Offenheit gut, wir sind miteinander klar gekommen.
Im Alltag gibt es manchmal Situationen, in denen ich als Ausländer anders angeschaut werde. Man denkt zum Beispiel, dass ich im Geschäft etwas stehlen will. Das ärgert mich, aber es bestimmt nicht mein Leben.
Interessant ist, dass die Deutschen Unterschiede zwischen den Herkunftsländern machen. Ein Brasilianer ist ihnen offenbar lieber als ein Mann aus Syrien oder Afghanistan. Das finde ich nicht gut und nicht fair.
„Ein Brasilianer ist ihnen offenbar lieber als ein Mann aus Syrien oder Afghanistan. Das finde ich nicht gut und nicht fair.“
Wichtig für mich ist, dass ich hier tolle Menschen um mich habe. Meine Schwiegereltern lieben mich, sie sind für mich fast wie eigene Eltern. In Halberstadt habe ich meine Frau kennengelernt. Wir haben letztes Jahr geheiratet und haben einen kleinen Sohn. Ob wir für immer hier bleiben werden oder eines Tages als Familie nach Brasilien gehen, weiß ich noch nicht. Das ist keine einfache Entscheidung.
Auf jeden Fall will ich die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Das hat für mich nicht nur mit Papieren zu tun. Es gibt mir mehr Freiheit, zum Beispiel beim Reisen, und die Sicherheit, bleiben zu dürfen, wenn ich möchte.
Aus der Fußball-Karriere, von der ich als Jugendlicher geträumt habe, ist nichts geworden. Heute sind meine Knie kaputt, und es reicht nicht mal mehr für die alten Herren. Ich habe aufgehört zu spielen. Aber ohne den Fußball wäre ich wohl nie hierher gekommen. So hatte alles seinen Sinn.“