Martini - das optimistische Halberstadt-Magazin

„Ich bin ein Menschenfänger“

Er ist bei seinen Großeltern aufgewachsen, hat als 
Jugendlicher knapp eine Tuberkulose-Erkrankung überlebt, sich vom Praktikanten bis zum Cheftrainer hochgearbeitet und glaubt an die Kraft der Gemeinschaft: Manuel Rost ist weit mehr als ein Fußballtrainer. Ein Gespräch über Herkunft, Verantwortung, Glauben – und die Frage, warum er in Halberstadt Möglichkeiten sieht, die andere oft übersehen.

 

Es gibt Menschen, die betreten einen Raum, und man spürt sofort ihre Energie. Nicht laut, nicht aufdringlich. Aber mit einer Präsenz, die deutlich macht: Hier ist jemand, der etwas zu erzählen hat. Manuel Rost ist so jemand. Wer ihm zuhört, merkt schnell: Fußball ist für ihn viel mehr als ein Spiel. Es geht um Menschen, um Entwicklung, um Verantwortung. Und um die Frage, wie man mit dem umgeht, was das Leben einem vor die Füße wirft.

Der Trainer des Oberligateams des VfB Germania Halberstadt hat selbst erlebt, wie schnell sich alles verändern kann. Manuel Rost wurde 1988 geboren. Kurz nach dem Fall der Mauer musste sein Vater Deutschland verlassen. Einst als Gastarbeiter in die DDR gekommen, durfte er im vereinten Deutschland nicht bleiben, weil die Eltern nicht verheiratet waren. 

Der Vater kehrte nach Mosambik zurück. Seine Mutter lernte einen neuen Partner kennen, und so blieben Manuel und sein zehn Monate jüngerer Bruder bei den Großeltern im ländlichen Thüringen – in einem 700-Einwohner-Dorf nahe Gotha. Die Großeltern wurden zu seinen wichtigsten Bezugspersonen. „Ich bin sehr traditionell aufgewachsen“, sagt er. Geprägt von Werten wie Verlässlichkeit und Verantwortung. Er bezeichnet sich selbst als „durch und durch ostdeutsch“ und ist stolz auf die Mentalität, die Arbeitskultur, die Direktheit. 

Der Großvater, selbst einst DDR-Oberligaspieler, nahm die beiden Jungen mit auf den Sportplatz, sobald sie laufen konnten. Fußball war vom dritten Lebensjahr an ihr Zuhause. Wie viele talentierte Jugendliche träumte auch Rost von einer Profikarriere.

Gleichzeitig musste er lernen, mit Ausgrenzung und verletzenden Kommentaren umzugehen. Es stellte sich für Manuel Rost und seinen Bruder schon früh die Frage nach Herkunft und Identität. „In unserer Gemeinde gab es niemanden, der so aussah wie wir.“

„In unserer Gemeinde gab es niemanden, der so aussah wie wir.“

Rassismus auf dem Platz und im Alltag gehörte zu ihrem Leben. „Ich habe als Kind die Strategie entwickelt, mich als etwas Besonderes zu sehen. Nicht arrogant – sondern als Fundament. Ohne das wäre vieles schwerer gewesen.“ Vielleicht ist genau dort die Grundlage für die Resilienz entstanden, die ihn bis heute auszeichnet.

Seine afrikanischen Wurzeln hat Manuel Rost erst als Erwachsener wirklich kennengelernt. Mit 18 Jahren besuchte er seinen Vater in Mosambik zum ersten Mal. Seitdem hatte er regelmäßig Kontakt zu ihm – bis dieser vor zwei Jahren verstarb.

Schwer fällt Manuel Rost die Erinnerung an jene Tage, in denen er selbst um sein Leben rang: Mit 16 Jahren erkrankte er an offener Tuberkulose. Die Ärzte befürchteten, er habe nur noch zwei Wochen zu leben. Er beschreibt eine Nacht, in der er nicht mehr aufstehen wollte, kein Besuch, kein Gespräch. Sein Großvater brachte ihm eine Bild-Zeitung. Darauf: das Champions-League-Finale 2005. AC Milan gegen Liverpool, 0:3 lag Liverpool zurück. Liverpool kam zurück, gewann im Elfmeterschießen. „Ich weiß bis heute nicht genau, warum dieses Spiel mich gerettet hat. Es hat mir die Kraft gegeben, aufzustehen.“

Am nächsten Morgen begann er wieder zu essen. Langsam wurde er gesund – ausgeheilt, wie die Ärzte sagten, obwohl der linke Lungenflügel dauerhaft geschädigt blieb. Er spielte später sogar wieder Fußball, trainierte regelmäßig im Oberliga-Team von Wacker 03 Gotha . „Mit einem Lungenflügel. Der andere ist noch drin, aber das Gewebe ist tot.“ 

Nach der Krankheit folgte eine Zeit des Suchens. Die Schule hatte er abgeschlossen, doch es war schwierig, einen Ausbildungsplatz zu finden. Mehr als 200 Bewerbungen hat er verschickt, kaum Rückmeldungen erhalten. Schließlich wurde er Friseur – nicht aus Überzeugung, eher durch Zufall. Er hatte seine Großmutter zum Friseur gebracht. Als er mitbekam, dass das Geschäft einen Azubi suchte, bewarb er sich spontan. In Ausbildung und Beruf hat er viel gelernt: mit Menschen reden, Gefühle lesen, sich jeden Tag neu auf das Gegenüber einstellen.

Danach machte er das Fachabitur, wurde Heilpädagoge und begann ein Medizinstudium. Das allerdings brach er ab, als sich die Chance für ein Praktikum bei Rot-Weiß Erfurt ergab. 

Dort begann schließlich sein Weg als Trainer. Schritt für Schritt arbeitete es sich nach oben, bis er die erste Mannschaft trainierte und die Aufstiegssaison von der Oberliga in die Regionalliga mitgestaltete. Doch irgendwann stellte er sich die Frage: Was kommt nach Erfurt? Welcher Schritt folgt, wenn man als junger Trainer schon so viel erreicht hat? Seine Antwort war ungewöhnlich: einen Schritt zurückgehen, um danach zwei nach vorn zu machen.

Als Erfurt immer wieder in finanzielle Schwierigkeiten geriet, verließ er freiwillig den Verein. Zu dieser Zeit suchte der VfB Germania Halberstadt jemanden, der Cheftrainer Andreas Petersen vorübergehend unterstützte. Der Kontakt ergab sich über gemeinsame Bekannte und einen Spieler, den Rost zuvor in Erfurt betreut hatte. So kam er 2022 nach Halberstadt – ohne großes Honorar, aber mit Perspektive.
Seine Bedingungen waren klar: leistungsorientiertes Umfeld, hauptamtliche Anstellung, und die Möglichkeit, seine Ideen in Ruhe zu entwickeln. Am Ende des ersten Halbjahres sollten beide Seiten entscheiden, ob sie weitermachen wollen. Sie machten weiter. Inzwischen ist Rost seit viereinhalb Jahren in Halberstadt.

Was Rost von vielen anderen Trainern unterscheidet, ist nicht allein sein taktisches Konzept – es ist die Tatsache, dass er überhaupt die Zeit hatte, dieses Konzept bis zu Ende zu denken.

„Ich bin überzeugt, dass 90 Prozent aller Trainer im bezahlten Fußball ihre Ideen nie zu Ende denken konnten. Weil es immer einen Sportdirektor gibt, immer Stakeholder, immer wirtschaftliche Zwänge. Irgendwann geht es nur noch ums Ergebnis.“
In Halberstadt war das anders. Ohne den Druck großer Strukturen konnte er seine Spielidee entwickeln, testen, verfeinern – und dabei lernen, wie lange er braucht, um eine Mannschaft in bestimmten Bereichen voranzubringen. Wie schnell kommt er zur Kompaktheit? Wie lange dauert es, ein Team offensiv zu formen? 

„Diese Zeiterkenntnis ist ein riesiger Vorteil. Viele Trainer haben nicht das Glück. Ich weiß das sehr zu schätzen.“
Sein sportlicher Ansatz ist klar: Fußball mit Ball, hohes Pressing, hohe Intensität. Aber wichtiger als taktische Systeme sind ihm die Menschen dahinter. Von seinen Spielern erwartet er vor allem drei Dinge: Ehrlichkeit zu sich selbst, Hingabe und Dankbarkeit für das, was sie tun dürfen. „Wenn ich Hingabe habe, habe ich automatisch Intensität. Wenn ich dankbar bin, komme ich jeden Tag mit Freude. Denn ohne Freude macht uns der Druck kaputt.“

Als Trainer beschreibt er sich selbst als nahbar, aber konsequent – geprägt durch seinen pädagogischen und psychologischen Hintergrund. „Wir können Best Friends sein. Aber sobald wir auf den Platz gehen, sehe ich nur noch Tunnel und Leistung.“

Rost sieht in Halberstadt etwas, das viele Einheimische nicht sehen: Potenzial, das brachliegt. „Ich komme hierher und denke: Was haben die hier für einen Palast? Und dann reden die nicht drüber.“

Das Stadion, die Trainingsinfrastruktur – Bedingungen, die viele Vereine in höheren Ligen nicht haben. Und trotzdem, sagt er, herrsche in der Stadt ein grundsätzlicher Pessimismus. Das Glas sei immer halb leer, selten halb voll. Der Vergleich mit Quedlinburg oder Wernigerode sei immer präsent – aber der Blick auf das Eigene fehle.

Er weiß, dass diese Haltung historische Wurzeln hat. Er hat sich mit der Geschichte Halberstadts beschäftigt, mit Bombenangriffen und Zerstörung. „Ich verstehe jetzt, warum das Denken so ist, wie es ist. Aber das darf nicht das Ende sein.“

Was er in den letzten Jahren aufgebaut hat, zeigt erste Früchte: Spieler, die bei Germania ausgebildet wurden, wechseln in die Regional- und Dritte Liga. Die Nachwuchsarbeit trägt Früchte. Zweimal in Folge stand der VfB Germania Halberstadt im Pokalfinale in Sachsen-Anhalt. „In den letzten drei Jahren haben wir im Sachsen-Anhalt-Pokal nur gegen Halle verloren – und die haben einen ganz anderen Etat als wir.“

Sein Ziel ist klar: Regionalliga mit Halberstadt. Nicht wegen der Liga an sich, sondern weil er überzeugt ist, dass die Infrastruktur dieses Vereins eine Verpflichtung darstellt. „Wir müssen Regionalliga spielen. Dieses Stadion verlangt das.“
Aber dafür braucht er Mitstreiter. Menschen, die denselben Weg mitgehen. Und Geld.

Gefragt, wie er sich in drei Worten beschreiben würde, antwortet Rost ohne Zögern: „Ich bin ein Menschenfänger, ein Entwickler, ein Leader.“
Der Germania-Präsident Erik Hartmann lobt den Ehrgeiz von Rost. „Er ist ein extrem fleißiger Trainer mit der klaren Vision, die Jugend zu entwickeln.“ Man sei froh, ihn bei Germania zu haben. Schon im vergangenen Jahr wurde sein Vertrag bis 2030 verlängert.

Für Fabian Guderitz, Torhüter bei Germania, ist Rost ein „sehr akribischer Arbeiter“. Zudem sei er ein „extrem nahbarer“ Trainer, der Spielern auch in vielen persönlichen Belangen helfe. „Das ist in dieser Intensität sehr selten“, sagt Guderitz. 

Rost wohnt weiterhin in Mühlhausen – sein Lebensmittelpunkt ist dort, mit seiner Partnerin Julia und seinem achtjährigen Sohn Tiago. Der Sohn kennt ihn eigentlich nur als Trainer. „Er ist ein Riesengeschenk, auch wenn es manchmal wehtut, dass ich so wenig Zeit mit meiner Familie verbringe.“

Erst seit kurzer Zeit hat Manuel Rost den christlichen Glauben für sich entdeckt – ein Prozess, der, wie er sagt, viel früher begonnen hatte, ohne dass er es so benennen konnte. Heute gibt ihm der Glaube eine Orientierung, die ihm lange fehlte.

Auf die Frage, was die Menschen in Halberstadt von ihm in Erinnerung behalten sollen, wenn er eines Tages weiterzieht, sagt er: „Wenn ich wiederkomme, möchte ich ein gern gesehener Gast sein.“

Text: Mathias Kasuptke