Martini - das optimistische Halberstadt-Magazin

„Häng nicht an den Dingen!“

Hanka Fiedler hat Grenzen überwunden, Berufe gewechselt, Menschen bewegt und immer wieder neu angefangen. Heute, mit der Erfahrung aus 80 Lebensjahren, geht sie manches Vorhaben bedachter an. In unserer Reihe „Späte Jahre“ spricht sie über Abschiede, Aufbrüche und die Kunst, loszulassen, ohne das Engagement zu verlieren.

„Seit vergangenen Sommer bin ich nun wirklich 80. Manchmal verblüfft mich diese Zahl. Ich sprühe noch immer vor Ideen und bin neugierig auf so Vieles. Ich lebe richtig gern, aber bin mir der Endlichkeit sehr wohl bewusst. 

Ich merke, dass es mir zusehends leichter fällt, Dinge loszulassen. Dabei geht es nicht nur um Bücher, die ich verschenke. Ich habe auch gelernt, dass Gefühl des Müssens loszulassen. Jahrzehntelang habe ich geglaubt, ich müsse dies oder das organisieren, mich hier und dort engagieren, mich um andere kümmern, etwas zum Guten verändern. Heute halte ich mich gern an einen Satz aus Lessings ,Nathan der Weise’. Er lautet: ,Kein Mensch muss müssen.’ 

Solche Einsichten kommen einem oft erst, wenn man älter wird. Heute gelingt es mir ganz gut, erstmal kurz innezuhalten und in mich zu gehen, ehe ich ein neues Vorhaben anschiebe. Ich frage mich, ob meine Energie und meine Kraft ausreichen und hole gern weitere Mitstreiter mit ins Boot, damit sich die Arbeit auf mehreren Schultern verteilt. Ich versuche, kürzer zu treten, weil ich spüre, dass die Tage häufiger werden, an denen ich mich etwas flügellahm fühle. Was mir gut tut, ist die Atemtherapie, mit der ich mich intensiv beschäftige. Das Wissen ums richtige Atmen will ich gern unter die Leute bringen, weil es enorme positive Auswirkungen auf die Gesundheit hat.

Schön finde ich, dass mit dem Alter die Dankbarkeit mehr Raum einnimmt. Ich bin dankbar für mein buntes Leben und auch dafür, wieder hier in Halberstadt zu wohnen, wo ich meine Kindheit verbracht habe. Mein Vater war Arzt und ging in der Freizeit gern jagen. Er hat mich mitgenommen in den Wald, was ich toll fand. Ich habe gelernt, die Natur sehr genau zu beobachten.  Wir hatten ein gutes Verhältnis, aber mit der Pubertät wurde es stressiger zwischen uns. Mit 19 bin ich ausgezogen und habe eine Ausbildung in der Landwirtschaft begonnen. Agrotechnik statt Medizin – das hat meinem Vater nicht gefallen. Ich war Pferdenärrin und mochte die Vorstellung, mit Tieren zu arbeiten. So lernte ich Traktor und Mähdrescher zu fahren. Während der anschließenden Ausbildung zur Veterinärtechnikerin habe ich in der Nähe von Schwerin sogar einen Schweinestall geleitet. 

Doch statt Landwirtin wurde ich vorerst Puppenspielerin. Ich hatte einen Mann kennengelernt und mich Hals über Kopf verliebt: Jochen. Wir fuhren im Auftrag der Inneren Mission, also der Kirche, mit einem kleinen, zur Puppenbühne umgebauten Bus durchs Berliner Umland und spielten hauptsächlich für Kinder. Das brachte mich auf die Idee, nochmal neu zu starten und Erzieherin zu werden.

Jochen war wegen angeblich systemfeindlicher Aktivitäten festgenommen worden und wartete mehrere Jahre, ehe er die Ausreiseerlaubnis bekam. Die Staatssicherheit verhörte dann auch mich, aber ich weigerte mich, mit diesen Leuten zusammenzuarbeiten. Über die Kanzlei des Ost-Berliner Rechtsanwalts Wolfgang Vogel, der Hundertausenden DDR-Bürgern zur Ausreise verhalf, gelang es, dass ich 1974 nach Westberlin übersiedeln durfte. Da stand ich dann mit zwei Koffern und dem Satz einer Freundin im Kopf: ,Hanka, häng nicht an den Dingen!’, hatte sie gesagt. Aber ich ließ ja nicht nur Dinge zurück, sondern auch meine Eltern und die beiden Schwestern. Ich konnte meine Familie nur wenige Male heimlich in der ČSSR treffen.

 Jochen und ich heirateten und bekamen unseren Sohn Tobias, doch die Ehe hielt nicht lang. Tobias war sechs Jahre alt, als wir uns trennten. Das war eine schwere Zeit, an die ich nicht gern zurückdenke. Was antwortest du als Mutter, wenn der Sohn sich zu Weihnachten wünscht, dass Papa wieder nach Hause kommt?

Durch Yoga, Atemübungen und das Alter bin ich gelassener geworden, aber nicht ignorant.

Mein Leben nahm in den 1980ern nochmal eine ganz andere Wendung: Ich studierte, wurde Sozialarbeiterin und arbeitete mit Flüchtlingen. Als ich mit Peter, meinem zweiten Mann, in eine Berliner Ökosiedlung zog, begann für uns ein großes Abenteuer. Wir haben uns dort 15 Jahre lang richtig wohl gefühlt. Ich kümmerte mich um den Naturschutz, unsere 90 Schwalbennester, um einen Jugendgarten und organisierte Benefizkonzerte. Kinder auf die Bühne zu bringen, ist mir bis heute ein Herzensanliegen.

Als es mich 2007 zurück in die Heimat zog, stimmte Peter glücklicherweise zu. Wir wurden hier vom Freundeskreis der Familie so herzlich willkommen geheißen, dass wir uns keinen Moment fremd fühlten. Weil ich mir wünsche, dass jeder Zugezogene dieses Glück hat, habe ich 2013 zusammen mit Thea Birkhahn den Stammtisch der Neu-Halberstädter gegründet, den es heute noch immer gibt. In Berlin habe ich mich als Mutmacherin gesehen, als jemanden, der Ideen umsetzt und Leute findet, die sich begeistern und mitreißen lassen. Daran habe ich in Halberstadt einfach angeknüpft – habe Yoga unterrichtet, bin in Vereine eingetreten, habe mich fürs Heineanum und fürs Theater engagiert und saß für die Grünen im Stadtrat.  

Dass ich es heute etwas ruhiger angehen lasse, heißt nicht, dass mir die Entwicklungen und das Unrecht in unserem Umfeld, in Deutschland und der Welt keine Sorgen bereiten. Ich stelle immer noch Fragen – und wenn nötig auch laut. Durch Yoga, Atemübungen und das Alter bin ich gelassener geworden, aber nicht ignorant. “  

Notiert von Dana Toschner.