Martini - das optimistische Halberstadt-Magazin

Für Matthias

Als Matthias Schulze bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt, steht seine Frau Kerstin vor der Aufgabe, ihr Leben neu zu ordnen – und vor einer großen Frage: Was wird aus dem Halberstädter Hof, dem Haus, das er mit so viel Herzblut geführt hat?

In Halberstadt kennt man die traurige Nachricht. Sie hat sich schnell verbreitet in den Tagen nach dem Unglück: Matthias Schulze ist tot. Er starb am 25. März bei einem Verkehrsunfall auf dem Weg nach Göttingen, wo er seine Mutter besuchen wollte. Zwei Fahrzeuge, ein Zusammenstoß, der 57-Jährige hatte keine Chance auszuweichen. Als seine Frau Kerstin von Matthias’ Tod erfährt, steht sie unter Schock. „Ich kann es noch immer nicht fassen. Ich habe so viele Tränen geweint. Jetzt sind einige Wochen vergangen, und ich habe abends zu Hause noch immer das Gefühl, er sei nur auf einer langen Reise und komme bald wieder.“

Dass er so unvermittelt aus dem Leben gerissen wurde, sie sich nicht verabschieden und ihn nochmal umarmen konnte, schmerzt sie zutiefst. „Ich versuche, jeden Tag einzeln zu sehen und zu überstehen. Anders geht es nicht“, sagt sie. „Es hilft, meine Tochter, die Familie und Freunde bei mir zu wissen.“  Es ist erstaunlich, was ein Mensch tragen kann, wenn er muss. Während Kerstin Schulze versucht, mit der großen Lücke in ihrem Leben irgendwie weiterzumachen, prasselt so vieles zeitgleich auf sie ein. „Die Trauer kommt zu kurz“, sagt sie. Aber sich um all die Dinge zu kümmern, die keinen Aufschub dulden, halte sie aufrecht. Sie muss organisieren, kleine und große Entscheidungen treffen, Fragen beantworten, auf die es keine Vorbereitung gibt. Eine davon stand schnell im Raum: Was wird aus dem Halberstädter Hof?

Die Antwort fällt für sie überraschend klar aus. „Ich mache das. Ich mache das für Matthias.“ Sie will nach dem Tod ihres Mannes nicht auch noch seinen Traum sterben sehen. „Er hing an diesem Ort. Hier nun einfach die Türen abzuschließen, das ist für mich undenkbar“, sagt sie. „Nicht dieses Haus, in das so viel Herzblut geflossen ist. Das will ich auch den Mitarbeitern nicht antun.“

Matthias Schulze hat den Halberstädter Hof über viele Jahre geprägt. Nach einer schwierigen Trennung von seinem früheren Geschäftspartner im Jahr 2017, mit dem er noch ein zweites Hotel in Thüringen betrieben hatte, entschied er sich bewusst für Halberstadt. Er wollte das Haus, das damals wirtschaftlich angeschlagen war und keinen guten Ruf hatte, aufpäppeln und unter eigener Regie als erfolgreiches Hotel und Restaurant etablieren.

Der Weg war kein leichter. Zuvor hatte er in einer Konstellation gearbeitet, in der er stark unter Druck stand – verantwortlich für die Umsetzung, abhängig von einem Geldgeber. Eine Situation, die ihn zunehmend belastete, auch gesundheitlich. Erst mit der Trennung sah er die Möglichkeit, wirklich eigene Entscheidungen zu treffen. „Mit dieser Freiheit kam die Energie zurück“, beschreibt seine Frau.

Man sieht seine Handschrift dem Haus heute an – nicht als großes Konzept, sondern in vielen kleinen Details. So springen Lampen ins Auge, die aus Flohmarkt-Fundstücken konstruiert wurden. „Er war Jäger und Sammler mit einer Vorliebe für Inneneinrichtung und Deko“, beschreibt seine Frau. Einer, der jene Dinge ins Herz schloss, die eine Geschichte zu erzählen hatten und ihnen einen neuen Platz gab. Für alte Gegenstände, egal ob Antiquität oder Trödel, begeisterte er sich ebenso wie für Oldtimer oder seine Sammlung ausgefallener Schuhe. Er liebte das Besondere, auch im eigenen Auftreten.

Doch es war nicht nur diese sichtbare Seite, die ihn ausmachte. „Er war der beste Chef“, sagt Nicole Severin, eine langjährige Mitarbeiterin. „Aber nicht nur Chef. Auch Kumpel, Freund und manchmal Retter in der Not.“ Einer, der ansprechbar war, der half, wenn es Probleme gab – auch dann, wenn es nicht um den Dienst ging.

Den Gästen im Halberstädter Hof begegnete er mit Charme, auch wenn diese Kritik loswerden wollten. „Er hat die Hinweise der Gäste ernst genommen und an uns weitergegeben, wenn er sie als berechtigt empfand. Aber er hat uns als Team auch immer das Gefühl gegeben, dass er hinter uns steht, wenn jemand ungerecht ist“, beschreibt Nicole Severin. Diese Mischung aus Anspruch und Rückhalt habe sie sehr geschätzt.

Dafür, dass das Haus lebendig bleibt, hat Matthias Schulze mit immer neuen Ideen gesorgt. Formate wie die Hutkonzerte im Biergarten oder die „Funkenrutsche“-Touren mit der historischen Straßenbahn bereichern seit Jahren das kulturelle Leben der Stadt. „Er fand es jedes Mal großartig, wenn wir uns als Schaffner und Schaffnerin verkleidet haben und die Gäste empfingen. Die Leute lieben das. Ich mache weiter, werde diesen Platz aber niemals so ausfüllen können wie er“, sagt seine Frau. Wenn sie heute als Schaffnerin einsteigt, nimmt sie ein Foto von Matthias mit.

Für ihn war der Halberstädter Hof weit mehr als ein Arbeitsplatz. „80 Prozent seines Lebens“, schätzt seine Frau. Freizeit und Beruf ließen sich kaum trennen. Selbst Reisen waren oft auch Inspiration: andere Häuser sehen, Eindrücke sammeln, überlegen, was sich übertragen lässt.

Und doch gab es auch eine andere Seite. Die gemeinsamen Wochenendtrips in den alten VW-Bussen, die er liebevoll umgebaut und ausstaffiert hatte – ein T2 und ein T3. Er mochte das Unterwegssein mit wenig Komfort, aber viel Freiheit. Dazu kam eine Vorliebe für Abenteuer: Mit seinem besten Freund fuhr er auf dem Moped bis an die Ostsee und wanderte den anspruchsvollen West Coast Trail auf Vancouver Island in Kanada mit schweren Rucksäcken und Nächten am Strand. 

„Ich werde diesen Platz niemals so ausfüllen können wie er.“

Ein Leben, das viele Facetten hatte – und das erfüllt war, wenn auch viel zu kurz.

Als es am 25. März endete, blieb Kerstin Schulze zunächst das Funktionieren. Telefonate führen, Menschen informieren, die Trauerfeier organisieren. Gleichzeitig die Leere aushalten, die sich nicht füllen lässt. „Man denkt immer, das kann nicht sein“, sagt sie. „Und doch geht es weiter.“

Sie beginnt schnell, täglich ins Hotel zu kommen. Auch, weil es zu Hause so still ist. „Hier werde ich aufgefangen“, sagt sie. Vom Team, den Aufgaben, von einer Umgebung, die ihr vertraut ist. Die Arbeit hilft ihr, eine Art Struktur zu finden, in einer Zeit, die keine Struktur kennt. „Hier sind Menschen, die mir Halt geben. Es lenkt mich ab, eingebunden zu sein.“

Parallel dazu laufen Prozesse, die Geduld erfordern. Die Änderungen im Handelsregister sind noch nicht abgeschlossen. Es gibt Erbfragen zu klären, Unterschriften einzuholen, Formalitäten zu erledigen. Behörden fordern Dokumente. Vieles zieht sich, lässt sich nicht beschleunigen. Dinge, die in normalen Zeiten schon aufwendig sind – und in dieser Situation zusätzlich belasten.

Und dennoch steht die Entscheidung. Kerstin Schulze hat ihren Beruf Ende April schweren Herzens aufgegeben. Nach 29 Jahren in einer Steuerkanzlei, in der sie vor allem organisatorisch tätig war, hat sie den Schritt gewagt. „Beides parallel fortzuführen, das hätte ich nicht geschafft“, sagt sie.

Mit Anfang 60 betritt sie Neuland – wohl wissend, dass Hotellerie und Gastronomie anderen Regeln folgen als ein Steuerbüro. Dass sie sich das zutraut, hat vor allem mit den Menschen zu tun, die geblieben sind und an ihrer Seite stehen. „Ich kann mich auf das Team verlassen. Ich baue auf Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die seit Jahren im Haus sind, die die Abläufe kennen, die Verantwortung übernehmen und wissen, was sie tun. Unsere Hotelmanagerin Frau Severin führt den Betrieb, und Tag für Tag werde ich hineinwachsen“, sagt Kerstin Schulze.

Die Frage „Wie um alles in der Welt soll ich das schaffen?“ stellt sich jeden Tag neu. Und immer wieder findet sie eine Antwort. „Ich habe Angst, dass ich zusammenbreche, aber dann spüre ich morgens doch die Kraft, aufzustehen und bin motiviert, hierher zu kommen.“

Der Halberstädter Hof ist in diesen Wochen ein besonderer Ort. Einer, an dem vieles gleichzeitig geschieht: Neben der Trauer formt sich ein neuer Alltag, neben der Erinnerung wird mit jeder Veranstaltung ein Stück Zukunft geplant und neben der Unsicherheit steht die Entschlossenheit. „Ich wünsche mir, dass die Gäste nicht zögern, zu uns kommen“, sagt Kerstin Schulze.

Für sie geht es nicht darum, ihren Mann zu ersetzen. Das ist ohnehin nicht möglich. Sondern darum, weiterzuführen, was er begonnen hat. In seinem Sinne, aber auf ihre Art. 

Dana Toschner