Martini - das optimistische Halberstadt-Magazin

„Fragt mich doch einfach!“

Bernard Mwasajone arbeitet als Heilerziehungspfleger in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen in Halberstadt. Im Gespräch mit MARTINI erzählt er, warum er 1990 aus Tansania nach Deutschland kam, warum er blieb und mit welchen Vorurteilen er bis heute zu kämpfen hat.

 

„Als ich hierher gekommen bin, gab es die DDR noch. 1988 war das. Die Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde in Tansania hat mich delegiert, um in Neinstedt eine Ausbildung zum Diakon zu machen. Die Idee war eigentlich, dass ich nach der Ausbildung nach Tansania zurückgehe und dort für die Kirche arbeite, aber ich hatte inzwischen meine Frau kennengelernt und wollte mit ihr eine Familie gründen.

Obwohl das jetzt so viele Jahre her ist, erinnere ich mich noch sehr gut daran, wie schwierig es war, hier ohne ein Wort Deutsch zurechtzukommen. Bevor ich die Ausbildung beginnen konnte, besuchte ich drei Monate lang einen Sprachkurs an der Medizinischen Fachschule in Quedlinburg. Die anderen Teilnehmer kamen aus Mosambik, Angola, Nicaragua und Vietnam. Sie wollten in der DDR Medizin studieren. Auch ein Pfarrer übte mit mir Deutsch.

 

Während der Ausbildung hatten die Lehrer und Mitschüler Geduld und halfen, wenn ich etwas nicht verstand. 1990 war ein wichtiges Jahr für mich: Ich wurde als Diakon eingesegnet, habe geheiratet, und unser erstes Kind kam zur Welt. 
Ein Jahr später begann ich zusätzlich eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger. Die Praxistage waren damals in Halberstadt beim Cecilienstift – und hier arbeite ich heute, 35 Jahre später, immer noch. Ich war in verschiedenen Einrichtungen, in denen Menschen mit Behinderungen leben und betreut werden, und ich mag meine Arbeit.

Die Villa Klus, in der ich heute arbeite, ist das Zuhause von neun erwachsenen Menschen mit Taubblindheit und geistigen Einschränkungen. Mit ihnen zu kommunizieren, ist kein Problem. Mit jedem einzelnen findet man einen Weg. Manche haben ein Restsehvermögen oder noch ein bisschen Hörvermögen. Mit dem einen funktioniert Gebärdensprache, mit dem anderen Lormen. Das sind bestimmte Berührungen der Handfläche.

„Das Leben hier ist anders, aber nicht unbedingt einfacher.“

Bei der Arbeit mit Menschen mit geistigen Behinderungen war meine dunkle Hautfarbe nie ein Problem. Manche sind neugierig, wollen an der Haut reiben, um zu gucken, ob das abgeht. Das nehme ich ihnen nicht übel, das finde ich eher lustig.

Bei Menschen ohne Behinderung erlebe ich das manchmal anders. Sie reden hinter dem Rücken. Es gibt Verkäuferinnen, die beobachten mich im Laden sehr genau und gehen hinter mir her, weil sie denken, ich will klauen. Als ich vor einigen Jahren mit einem Jungen, dessen Betreuer ich war,  in einem großen Supermarkt eingekauft habe, notierte sich jemand das Autokennzeichen und meldete der Polizei: ,Ein Schwarzer hat ein Kind entführt.’ Dabei stand doch auf dem Auto ganz groß ,Cecilienstift’. 

Dass ich da arbeite und der Junge sich aufgrund der Behinderung etwas auffällig verhielt, konnte man sich wohl nicht vorstellen. Ich solchen Situationen wünsche ich mir, dass man mich einfach anspricht und fragt, wer ich bin. 
Traurig oder wütend werde ich, wenn ich höre, dass jemand sagt: ,Guck, der kauft hier von unserem Geld ein, von unseren Steuern.’ Ich arbeite für mein Geld – und das im Drei-Schicht-System. Ich habe mehr Lebenszeit in Deutschland verbracht als in Tansania, habe eine deutsche Frau, vier erwachsene Kinder und zwei Enkel. Beide Länder sind für mich Heimat. 
Wenn meine Geschwister oder Verwandte aus Tansania mich besuchen, sehen sie, wie wir leben. Sie wissen, dass in Deutschland das Geld nicht vom Himmel fällt und dass man viel arbeitet, um sich etwas leisten zu können. Sie beneiden mich nicht. Das Leben hier ist anders, aber nicht unbedingt einfacher.“
 

Notiert von Dana Toschner.