Seit einem halben Jahrhundert gestaltet Frauke Weiß Halberstadts Entwicklung mit – erst als Stadtverordnete, dann als Stadträtin. Für ihr Engagement wurde sie kürzlich mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Obwohl sie in diesem Frühjahr ihren 80. Geburtstag feiern wird, wirkt sie energisch und standfest. Frauke Weiß ist noch nicht fertig.
Von Dana Toschner
Sie sei „eine Frau der klaren Worte“, sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff, als er ihr im November das Bundesverdienstkreuz am Bande überreichte. Wer Frauke Weiß kennt, muss angesichts dieser Formulierung wahrscheinlich schmunzeln. Dass sie sagt, was sie denkt, dass sie nichts davon hält, mit ihrer Meinung hinterm Berg zu halten oder sie in ein elegantes Kostüm aus Worten zu kleiden, ist geradezu ihr Markenzeichen.
Man kann diese Eigenschaft für undiplomatisch, plump und polterig halten, aber letztlich ist sie wohl einfach nur authentisch. „Ich bin in Mecklenburg aufgewachsen. Dort sind die Leute so. Einfach gerade heraus“, sagt sie schulterzuckend. „Da zählt Ehrlichkeit, man redet nicht lange um den heißen Brei herum.“
Ihr ist bewusst, dass mancher ihr mangelndes Fingerspitzengefühl attestiert und sie mit ihren Kommentaren öfter aneckt oder ihrem Gegenüber auf den Schlips tritt. „Was gesagt ist, ist gesagt. Das lässt sich nicht wieder einholen. Ich bin impulsiv, aufbrausend, kann mich in Themen reinsteigern und werde manchmal unsachlich. Aber das ist mir schietegal. Ich achte darauf, dass ich die Leute nicht persönlich angreife. Das habe ich inzwischen gelernt.“
Dass sie ein bisschen anders tickt als der hiesige Menschenschlag, ist ihr klar geworden, als sie 1969 nach Halberstadt zog, um beim VEB Polyplast anzufangen. „Ich hatte große Schwierigkeiten, mich einzugewöhnen und Fuß zu fassen.
Ich passte mit meiner direkten Art nicht hierher. Man sprach hier anders miteinander, umschiffte eher, was man wirklich dachte. Ich empfand die Leute, denen ich in Halberstadt begegnete, damals als Lügner oder Heuchler.“
Sie war erst 23 Jahre alt, als sie nach Halberstadt kam, und wird nun bald 80. Obwohl sie so viel Lebenszeit hier verbracht hat, gehört ihr Herz nach wie vor der mecklenburgischen Heimat. Genauer gesagt dem kleinen Striesdorf bei Laage in der Nähe von Rostock. Dorthin hatte es ihre Familie verschlagen, die aus einem Dort in Westpreußen stammte.
Der Vater war im Krieg, als Mutter und Großmutter im Frühjahr 1945 mit dem Pferdewagen flüchten mussten. Sie fanden in Striesdorf ein neues Zuhause, wo der Familie bald nach der Ankunft Land zugeteilt wurde, das sie bewirtschaften durfte.
Frauke Weiß, geboren am 15. April 1946, erinnert sich an eine Zeit, in der neun Menschen zusammen in den zweieinhalb Zimmern wohnten und sie das Bett mit einer Cousine teilte. Aber auch an schöne Kindheitstage mit ihren Cousins und an das Gebot der christlichen Nächstenliebe, das der Oma und den Eltern wichtig war. „Die Flüchtlingsfamilien unterstützten sich gegenseitig. Man bezahlte einander dafür nicht, die Hilfe war ganz selbstverständlich. Ich habe für die Nachbarn Kartoffeln aufgelesen oder bei der Ernte geholfen.“
Sie mochte das flache Land, den weiten Blick und den Spruch der Mutter, die sagte: „Wir wollen am Montag sehen, wer am Sonnabend zu Besuch kommt.“ Frauke Weiß wäre gern Bäuerin geworden, wollte Landwirtschaft studieren, doch sie fügte sich dem Willen ihres Vaters. „Er meinte, ich solle es mal besser haben. Plaste sah man damals als die große Zukunft an.“
Nach dem Abitur und der Ausbildung zur Chemiefacharbeiterin im Kombinat Buna studierte sie Plasttechnologie und hoffte anschließend auf einen Arbeitsplatz in Schwerin oder Ribnitz-Damgarten. Doch in Heimatnähe gab es keine freien Wohnungen, die Absolventenlenkung in der DDR schickte sie nach Halberstadt. Die Arbeit mochte sie, aber die Sehnsucht nach Mecklenburg blieb. „Ich fuhr alle vier Wochen mit dem Nachtzug nach Hause.“
Sie sei eher ein ängstliches als ein durchsetzungsstarkes Kind gewesen, erinnert sich Frauke Weiß, aber mit Mitte 20 hatte sie dann doch schon ihren eigenen Kopf und Lust, sich politisch zu engagieren. Weil man sie im Betrieb ständig fragte, wann sie denn nun endlich in die SED eintreten wolle, trat sie aus der FDJ aus und in die CDU ein. „Ich war ja christlich, also passte das“, sagt sie. In der DDR war die CDU eine sogenannte Blockpartei, die der Führung der SED untergeordnet war und deren Politik mittrug.
1974 wurde Frauke Weiß Stadtverordnete in Halberstadt, 1990 Stadträtin. Als sie mit der Wende ihre Arbeit bei Polyplast verlor, half ihr das politische Netzwerk, schnell einen neuen Job zu finden. Sie wurde Beraterin für den Aufbau von Frauenverbänden und -vereinen in Sachsen-Anhalt. Von 1998 bis 2016 saß sie für die CDU im Landtag und war bis 2014 Kreistagsabgeordnete. „Dass ich mitmischen will, ist mir in die Wiege gelegt.“ Der Vater war im Gemeinderat und überall engagiert. „Ich habe es als Kind gehasst, dass er immer auf Achse war, aber als ich selbst erwachsen wurde, war das genau mein Ding. Meine Mutter hat mir die Liebe zum Theater mitgegeben. Ich will kein Konzert verpassen und habe eine Bühnencard.“
Ihr Antrieb bei der politischen Arbeit sei es immer gewesen, Halberstadt voranzubringen. „Als feststand, dass unsere Stadt den Kreissitz bekommt, habe ich mich zur Feier des Tages ordentlich betrunken. Drei Schnäpse Stichpimpuli Bockforcelorum haben gereicht, ich war komplett hinüber“, erinnert sie sich lachend. „Normalerweise bin ich trinkfest. Das ist noch so eine Eigenschaft, die man uns Mecklenburgern nachsagt und die wirklich zutrifft.“
Sie hilft ihr mitunter, als Lokalpolitikerin mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Frauke Weiß hat eine Dauerkarte für den VfB Germania, sie liebt Feste, fährt in die umliegenden Dörfer, besucht Geflügelausstellungen oder das Treffen der Kaninchenzüchter. „Ich finde es wichtig, mit den vermeintlich einfachen Leuten zu reden und zu hören, was sie beschäftigt. Das sind ja keine Dummen.“
Was sie zuverlässig auf die Palme bringt, sind Arroganz und Ignoranz. Während sie selbst darauf Wert legt, alle Unterlagen im Vorfeld von Ausschuss- oder Stadtratssitzungen gelesen zu haben, öffnen manche Ratsmitglieder ihren Umschlag erst vor Ort. „Ich weiß, dass es schwierig ist, wenn man berufstätig ist, Zeit zum Einlesen zu finden. Aber wie soll man ohne Grundlage denn vernünftig diskutieren? Man kann sich ja wohl wenigstens in die wesentlichen Punkte einarbeiten, also in das Thema, wofür man innerhalb der Fraktion zuständig ist.“
Auch, wenn sie sich ab und zu ärgere, was die Stadtratsarbeit eben so mit sich bringe, gebe es immer wieder Grund, auf das Erreichte stolz zu sein. Zuletzt hat sie sich über die Ansiedlung von Daimler Truck gefreut und aktuell über die Neugestaltung des Breiten Wegs. „Ich wünsche mir, dass die Leute das wahrnehmen und ein bisschen mehr Begeisterung zeigen. Der Halberstädter neigt leider zum Nörgeln und Meckern.“
Ob sie davor flüchtet und deshalb nach wie vor so gern im Norden ist? Wenn sie von den Besuchen bei ihrem Bruder erzählt, der Haus und Hof in Striesdorf nach dem Tod der Mutter übernahm, kann man sich jedenfalls gut vorstellen, wie Frauke Weiß in Gummistiefeln zum Hühnerstall marschiert und alle Halberstädter Diskussionsthemen für eine Weile vergisst. „Da mache ich den Stall sauber. Das ist selbstverständlich. Du legst nicht die Hände in den Schoss und guckst der Schwägerin bei der Arbeit zu.“
Auch im Stadtrat hat sie nicht vor, die Hände in den Schoss zu legen. Frauke Weiß ist aktuell Vorsitzende der Fraktion aus CDU, Bündnis 90/Die Grünen und EWG (Emerslebener Wählergemeinschaft). Mit dem nahenden 80. Geburtstag drängt sich die Frage auf, wie lange sie noch so engagiert weitermachen will. „Bis zum Ende der Wahlperiode, also 2029. So habe ich’s versprochen. Sich wählen zu lassen und dann einfach abzuhauen, das macht man nicht. Ich steh’ zu meinem Wort.“
Ihre Parteifreunde schätzen diese Zuverlässigkeit und ihre jahrzehntelange Erfahrung in der Lokalpolitik. „Sie ist das dienstälteste Stadtratsmitglied und hat einen unglaublichen Wissensschatz, kennt Hintergründe und Zusammenhänge“, sagt Michael Hermann. „Wer sie kennt, weiß: Frauke Weiß brennt für diese Stadt wie keine andere.“
Daniel Szarata mag, „dass man mit ihr in der Sache streiten kann und sie in der Lage ist, unterschiedliche Meinungen auszuhalten, ohne gleich das Große und Ganze in Frage zu stellen.“ Dass er heute Oberbürgermeister ist, habe letztlich auch mit Frauke Weiß zu tun – schließlich habe sie vor vielen Jahren mit ihrer außergewöhnlichen Art sein Interesse an Politik geweckt. „Als Jugendlicher dachte ich mir, wenn man als Politiker auch so sein darf, so geradeaus und laut, dann kann das bestimmt Spaß machen.“
Anneli Borgmann, Grünen-Stadträtin und aktuell Fraktionskollegin von Frauke Weiß, ist – wenig überraschend – inhaltlich oft anderer Meinung, schätzt aber deren Engagement über einen so langen Zeitraum: „Sie ist direkt, immer ansprechbar und sehr loyal. So lautstark wir beide über den Radverkehr streiten können, so leidenschaftlich setzen wir uns gemeinsam für Kultur und Demokratie in der Stadt und im Dorf ein.“
Dass Frauke Weiß trotz ihrer Liebe zu Halberstadt eines Tages wegziehen will, scheint schwer vorstellbar. Aber sie hat das längst für sich entschieden. „Ich werde hier nicht alt“, sagt sie ohne den leisesten Zweifel in der Stimme. Ihr Plan steht: Wenn die Arbeit im Stadtrat endet, möchte sie nach Rostock ziehen, wo Nichte und Neffe mit ihren Familien leben. Dass sie ohne ihren großen Bekanntenkreis im Norden einsam sein könnte, befürchtet sie nicht. „Ich bin parteilich und kirchlich gebunden. Da finde ich Anschluss. Ich mache mir keine Sorgen.“
Ihrem Lieblingsfußballverein Hansa Rostock wird sie dann zumindest wieder näher sein. Bis dato verfolgt sie dessen Geschicke und die des HSV hauptsächlich im Fernsehen. „Ich selber mache ja keinen Sport. Was das angeht, bin ich das faulste Wesen. Aber ich liebe es, Fußball zu gucken. Alle, die mich kennen, wissen: Wenn Fußball läuft gehe ich nicht ans Telefon.“