Martini - das optimistische Halberstadt-Magazin

Die Stadt als Galerie

Bei der MKH-Biennale 2026 lässt die Kuratorin Ilka Leukefeld die Martinikirche wieder zum Kunstraum werden. Eine besondere Ehrung erfährt Johann-Peter Hinz. Ein Skulpturenpfad soll sein Schaffen in und für Halberstadt in Erinnerung rufen.


Es ist bereits die sechste Auflage der Monat Kunst Halberstadt (MKH). Alle zwei Jahre findet die Ausstellung statt – nun bereits zum zweiten Mal in Folge in der Martinikirche. Der Ort ist bewusst gewählt, betont Kuratorin Ilka Leukefeld, die gemeinsam mit dem Kuratorium Stadtkultur für die Biennale verantwortlich zeichnet. 

In diesem Jahr versammelt die Biennale unter dem Titel „Gegenwart und Reflexion“ ausschließlich Künstler aus Ostdeutschland. Sie alle haben dem System in der DDR kritisch gegenübergestanden und sich bis heute kritisch mit der Gegenwart auseinandergesetzt. „Der Ausstellungsort ist unsere Reminiszenz an die friedliche Revolution 1989, die in Halberstadt in der Bürgerkirche ihren Ursprung hatte,“ betont Leukefeld.

Mit dabei sind unter anderem Sabina Grzimek, Peter Herrmann, Hans-Hermann Richter, Inge H. Schmidt, Helge Leiberg und Ilka Leukefeld selbst. Auch Arbeiten des im April 2026 verstorbenen Hans Scheib sind zu sehen. Gezeigt werden Werke aus unterschiedlichen Schaffensperioden – von Arbeiten aus der Zeit vor 1989 bis zu neuen Werken, die sich mit aktuellen Fragen beschäftigen. 

Einige der Künstler sind Anfang der 1970er Jahre als Studenten von der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle nach Halberstadt gelockt worden, indem man ihnen staatliche Aufträge in Aussicht stellte. Die Partei- und Staatsführung der DDR förderte damals die Kunst am Bau, indem sie einen Teil der Bausumme von Verwaltungs-, Kultur- und teilweise auch Wohngebäuden für die künstlerische Ausgestaltung verwendete.
 

Unter den Studenten, die damals nach Halberstadt in die Pfeffermühle zogen, war auch Johann-Peter Hinz. Der 2007 verstorbene Metallgestalter hat das Bild Halberstadts mitgeprägt wie kaum ein anderer Künstler. Bei der VI. MKH-Biennale soll an seine Arbeiten in Halberstadt besonders erinnert werden. 

Parallel zur eigentlichen Ausstellung in der Martinikirche werden seine öffentlich zugänglichen Arbeiten durch einen sogenannten Skulpturenpfad miteinander verbunden. Beginnend in der Martinikirche führt er durch Halberstadt bis zum Kulturbahnhof. Das MKH-Biennale-Kollektiv wird geführte Spaziergänge zu einigen Stationen anbieten, aber grundsätzlich kann jeder auf eigene Faust mit einem Faltblatt auf Erkundungstour gehen.

Aus einem Spaziergang durch eigentlich längst bekannte Straßen kann so eine kleine Entdeckungsreise werden. In der Martinikirche steht der 1987 von Hinz geschaffene eiserne Standleuchter. Die „Hockende“ von 1991/92 trifft man im Lichtengraben, der „Merkur“ von 1998 steht am Westendorf vor der Harzsparkasse. Am Burchardikloster findet man die „Brüche der Geschichte“, ursprünglich für den Deutschen Pavillon der Expo 2000 geschaffen. Und im Bahnhofsgebäude hat 2010 die „Figurengruppe mit Baum“ Heimat gefunden. Doch es gibt noch viel mehr Arbeiten, die der Kunstpfad zusammenführt. Und zu allen Stationen gibt es Geschichten und Hintergründe zu erzählen.
 

Für diesen Teil der Biennale braucht niemand besonderes Kunstverständnis. Man benötigt nur etwas Zeit und einen offenen Blick. „Denn Johann-Peter Hinz wollte mit seinen Arbeiten durchaus etwas beim Betrachter auslösen“, erzählt Ilka Leuke-feld. „Er liebte Eisen gerade wegen seiner Gegensätze: die raue Oberfläche und das Rostbraun ebenso wie die Glätte, die Stabilität eines Profils oder die Leichtigkeit eines Drahtes. Seine Arbeiten sollten Raum für eigene Gedanken und Assoziationen lassen.“

Die Kunst von Johann-Peter Hinz und sein Engagement für Halberstadt sind kaum voneinander zu trennen. Schon in den 1980er-Jahren initiierte der Halberstädter selbst Ausstellungen in der Martinikirche und holte Künstler wie Sabina Grzimek und Hans Scheib in die Stadt. 
 

Daraus entstanden Freundschaften zwischen Berliner und Halberstädter Kunstschaffenden, die teilweise über Jahrzehnte und Generationen Bestand hatten und haben. Einige dieser Weggefährten sind nun bei der sechsten MKH-Biennale vertreten. Damit erzählt die Ausstellung auch eine Geschichte von Verbindungen, die lange vor der ersten MKH-Biennale begonnen haben. 

Wer sich mit dem Kunstpfad beschäftigt und den Menschen hinter den Stahlskulpturen kennenlernen möchte, der entdeckt schnell, dass Johann-Peter Hinz in Halberstadt nicht nur als Künstler Spuren hinterließ, sondern auch als kritischer Kopf. Er scheute sich nicht anzuecken. Er legte den Finger in die Wunden.

1941 in Kolberg geboren, verbrachte er seine Schulzeit in Halberstadt, erlernte zunächst den Beruf des Betonbauers und anschließend den des Bauschlossers und Kunstschmieds. Nach seinem Studium an der Hochschule für Industrielle Formgestaltung in Halle arbeitete er von 1970 an mehr als drei Jahrzehnte freischaffend als Metallgestalter in Halberstadt.

Vor allem aber mischte er sich ein. Seit den 1980er-Jahren engagierte sich Hinz gegen den Verfall und Abriss der Halber­städter Altstadt. Als die DDR-Führung ihn für sein künstlerisches Schaffen mit einem Kulturpreis ehren wollte, lehnte er diesen mit dem Verweis auf den desolaten Zustand der Altstadt aus Protest ab. 1989 gehörte er zu den Mitbegründern des Neuen Forums in Halberstadt und engagierte sich für friedliche politische Veränderungen. Von 1990 bis 1999 war er Präsident des Stadtrats. Auch die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte Halberstadts war ihm wichtig. Die Steine der Erinnerung vor dem Westportal des Domes gehen auf seinen künstlerischen Entwurf zurück.

Beim Guss der acht Tonnen schweren Domina 1999 wirkte Hinz organisatorisch und künstlerisch mit und gestaltete Inschrift und Zier der Glocke. Und auch mit dem John-Cage-Orgel-Kunst-Projekt im Burchardi-kloster ist sein Name eng verbunden. 2001 ernannte ihn Halberstadt zum Ehrenbürger.  

Nun wird sein künstlerisches Schaffen im Rahmen der Biennale noch einmal gewürdigt. Dabei sind in der Martinikirche drei kleinere Arbeiten zu sehen, die noch nie öffentlich gezeigt wurden. „Ich bin sehr stolz und froh, die Arbeiten von einem verstorbenen Freund von Johann-Peter Hinz geerbt zu haben“, sagt Biennale-Kuratorin Ilka Leukefeld. Sie freut sich auf neugierige Besucher, auch zu den Workshops, Lesungen, Gesprächsrunden und Führungen. „Die Biennale möchte ausdrücklich kein Kunsttempel für Eingeweihte sein, sondern ein Ort, an dem Menschen miteinander ins Gespräch kommen“, unterstreicht sie. 
 

Text: Mathias Kasuptke