Früher habe ich den Kopf geschüttelt, wenn ältere Damen erzählt haben, dass ein Zipperlein zum nächsten kommt, wenn man erstmal über 70 ist. Heute weiß ich: Sie hatten recht. Von Jahr zu Jahr werden es mehr Krankheiten und Wehwehchen.
Früher habe ich den Kopf geschüttelt, wenn ältere Damen erzählt haben, dass ein Zipperlein zum nächsten kommt, wenn man erstmal über 70 ist. Heute weiß ich: Sie hatten recht. Von Jahr zu Jahr werden es mehr Krankheiten und Wehwehchen.
Ich werde nächstes Jahr 80 und habe Glück, dass ich noch so gut alleine klarkomme. Trotzdem schwingt immer die Angst mit, dass mir etwas passieren könnte und sich von einem Tag auf den anderen alles ändert.
Meine Kinder halten es für eine gute Idee, dass ich in ein Haus umziehe, in dem es einen Fahrstuhl gibt. Aber ich kann mir das beim besten Willen nicht vorstellen. Ich bin mit meinen Eltern in dieses Haus gezogen, als ich drei Jahre alt war. Ich wohne also seit 76 Jahren hier. Das ist nicht irgendeine Wohnung. Das ist mein Leben. Unsere Kinder Maren und Clemens sind hier groß geworden. Meine Mutti hat viele Jahrzehnte in der Nachbarwohnung gelebt. Sie war immer für uns da, hat sich um die Kinder gekümmert, wenn wir gearbeitet haben. So viele Erinnerungen sind mit diesen Räumen verbunden. Da ziehst du nicht einfach um.
Ich versuche jetzt erstmal, mich daran zu gewöhnen, dass ich ganz alleine hier am Esstisch sitze. Das ist schwer genug. Mein Mann Reinhold ist im Mai gestorben. Er hatte zwar einige gesundheitliche Baustellen, aber sein Tod kam unerwartet. Ich konnte es anfangs gar nicht fassen und wusste nicht, wie es weitergehen soll. Wir waren fast 50 Jahre verheiratet – und nun ist da niemand mehr, mit dem ich reden oder auch mal streiten kann. Reinhold hat immer für uns gekocht. Jetzt bleibt der Herd aus.
Kennengelernt habe ich Reinhold durch meine Arbeit. Er hat als junger Mann Krankentransporte gefahren, und ich war Kinderkrankenschwester. In den 1970er Jahren habe ich in der Kinderklinik an der Plantage gearbeitet, die von Dr. Wiedemann geleitet wurde. Dann war ich viele, viele Jahre auf der Neugeborenenstation im Krankenhaus, später bis 2009 auf der Wochenstation.

Dass dieser Beruf so gut zu mir passte, ist wirklich ein Ding, denn eigentlich hatte ich nach der Schule keinen Ahnung, welche Lehre ich anfangen sollte. Ich dachte eigentlich, Friseurin wäre eine gute Idee. Aber dann erzählte mir eine Freundin, dass sie Kinderkrankenschwester werden will und nahm mich einfach mit. Das war eine der vielen Fügungen in meinem Leben.
Meine Arbeit war nie eine Pflicht für mich, sondern eher ein zweites Zuhause. Unsere Kinder waren daran gewöhnt, dass ich auch Weihnachten Dienste übernommen habe. Das war ganz selbstverständlich. Ich wusste ja, Maren und Clemens sind gut versorgt. Mein Mann und meine Mutter waren ja da.
Ich habe es nicht nur geliebt, mich um die Neugeborenen zu kümmern, sondern auch, die Mütter gut zu betreuen. Viele Frauen hatten Angst, etwas falsch zu machen. Wir zeigten ihnen, wie man das Kind sicher hält und wie man es badet.
„Ich denke öfter darüber nach, ob ich gern nochmal jung wäre, aber ich kann mich nicht zu einer Antwort durchringen.“
Zu DDR-Zeiten waren die Regeln streng. Die Männer durften nicht bei der Entbindung dabei sein und nur nachmittags zur Väterstunde zu Besuch kommen. Das änderte sich mit der Wende. Plötzlich herrschte Trubel auf der Station. Ich fand es anfangs gewöhnungsbedürftig, dass immerzu Familienangehörige in der Tür standen und die Frauen kaum zur Ruhe fanden. Aber auch das wurde Normalität.
Richtig schön ist, dass sich einige Hebammen und Kinderkrankenschwestern von damals bis heute regelmäßig treffen, um zusammen essen zu gehen. Ein Teil dieser Gruppe zu sein, hilft mir gerade in der jetzigen Zeit. Ganz wichtig sind mir auch die Unternehmungen mit meiner 88-jährigen Cousine, die oft mit mir unterwegs ist, und überhaupt der Zusammenhalt unserer ganzen Familie. Das ist so viel wert!
Wenn der Mann oder Lebenspartner stirbt, ist es wichtig, selber die Kurve zu kriegen und sich aufzuraffen. Ich habe viel geweint. Ich schlafe schlecht. Aber es nützt nichts, einsam und traurig zu Hause zu sitzen. Am besten geht‘s mir, wenn ich ins Auto steige und irgendwo hin fahre. Kleine Ausflüge lenken mich ab.
In letzter Zeit habe ich öfter darüber nachgedacht, ob ich gern nochmal jung wäre, aber ich konnte mich nicht zu einer Antwort durchringen. Ich bereue ja die wichtigen Entscheidungen in meinem Leben nicht. Alles war gut, wie es war. Ich frage mich nur, ob ich liebevoller oder aufmerksamer zu meinem Mann hätte sein können. Er war – wie ich – nie der Typ für große Worte. Aber im Nachhinein fällt mir so manche liebe kleine Geste ein, die ich im Alltag gar nicht wahrgenommen habe. Jetzt, wo er nicht mehr da ist, fehlt mir die Hand, die er kurz auf meine legt.“
Text: Dana Toschner