Martini - das optimistische Halberstadt-Magazin

Der Türöffner

Mittwochs sitzt Ingolf Liesegang in der Liebfrauenkirche – als Ansprechpartner, Erzähler, als jemand, der antwortet, erklärt oder einfach nur zuhört. Der frühere Lehrer und Schulleiter hält diesen Raum offen – und mit ihm einen lebendigen Dialog zwischen Geschichte und Gegenwart.

Wenn Ingolf Liesegang am Mittwochvormittag die schwere Tür der Liebfrauenkirche aufschließt, klingt das nicht nach großem Auftritt. Eher nach Alltag: Schlüsselbund, kurzes metallisches Klacken – dann der kühle Kirchenraum. „Mich hat es immer geärgert, wenn man im Urlaub vergeblich an einer geschlossenen Kirchentür rüttelt“, sagt er. Also hat er beschlossen, sie zu öffnen.

Liesegang ist ein „Zugereister“, wie er mit einem Lächeln sagt. Geboren vor 70 Jahren in Stolberg im Harz, zog es ihn 1978 nach Berlin: Lehrerstudium, Geschichte und Geografie, später noch Ethik und evangelische Religion. „Ich war sehr neugierig, was moderne Theologie heute zu sagen hat“, erzählt er. Vier Jahrzehnte blieb Berlin sein Leben: Er heiratete, wurde Vater zweier Kinder, arbeitete als Lehrer und Schulleiter. Und doch blieb da, neben der Großstadt, dieser Harz-Kompass, der irgendwann wieder ausschlug.

2019, mit seiner Pensionierung, gingen er und seine Frau zurück in die Heimat. Die Tochter und die Enkel leben hier – da war etwas Oma-und-Opa-Dienst angesagt. Und, wie es das Leben manchmal fügt, auch Verantwortung: die Pflege der ebenfalls nach Halberstadt nachgeholten Mutter. Die Stadt kannte er lange nur als Reisestation, immer auf der Strecke Berlin – Wernigerode, denn seine Frau stammt aus Wernigerode.

Umso freundlicher fällt sein Urteil heute aus: „Halberstadt hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr zum Positiven verändert.“ Für ihn ist es hier ruhiger, friedlicher, überschaubarer als in der Hauptstadt. Er begegne immer wieder engagierten Menschen in Vereinen, Gruppen, sozialen Verbänden – das macht es ihm leicht, anzukommen. Zur Heimat werde eine Stadt aber erst durch Geschichte(n). Dazu müsse man sich mit ihr beschäftigen: „Sonst weiß man ja nichts.“

Der Weg in die Liebfrauenkirche begann nicht mit einem großen Vorsatz, sondern mit einem Gemeindebrief. Darin wurde Aufsichtspersonal gesucht. Der ehemalige Pädagoge wollte eine sinnvolle Beschäftigung – und fand einen Raum, in dem er sich aufgenommen fühlt. Vor allem aber fand er eine Haltung, die sich wie ein roter Faden durch seine Erzählungen zieht: nicht nörgeln, anpacken. 

Er ist überzeugt: „Was wir selber nicht machen, das macht kein anderer für uns.“ Was er tut, wirkt auf den ersten Blick unspektakulär: Er hält die Kirche offen. In der Regel ist Ingolf  Liesegang gemeinsam mit seiner Frau Annerose mittwochs da, manchmal auch an Wochenenden oder zu Veranstaltungen. Besucher kommen, schauen, stellen Fragen. Der 70-Jährige versteht sich nicht nur als Aufsicht, sondern als Ansprechpartner, Erzähler – manchmal auch als stiller Zuhörer. Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Präsenz und Zurückhaltung, die seine Rolle so wertvoll macht.

Liebfrauen offen zu halten, ist Teamarbeit, die zur Zeit von vier Halberstädtern und vier Ukrainern geleistet wird. Er spricht mit größtem Respekt über die Kolleginnen und Kollegen. Und er nennt Zahlen, die zeigen, wie lebendig dieser Ort ist: im letzten Jahr rund 13.500 Besucher, mit Veranstaltungen noch deutlich mehr. Wer so etwas hört, versteht schnell, dass „Aufsicht“ hier nicht Wache zu stehen bedeutet, sondern Einladung und Gespräch.

Der Lehrer in ihm ist dabei nie ganz verschwunden. Wenn Schulklassen kommen, wird Liebfrauen zum Klassenzimmer ohne Tafel. Es gibt Merkblätter, Themenangebote, Bausteine zu Kunstgeschichte, Architektur, Restaurierung, Romanik, Kirche im Mittelalter. Und immer wieder der Satz, der ihm wichtig ist: „Es geht hier nicht um Missionierung.“ Es geht darum, Fragen zuzulassen und Geschichte begreifbar zu machen – auch im wörtlichen Sinne.  Kinder, sagt er, brauchen ein Zeitgefühl für Geschichte. Also bringt er einen variablen Zeitstrahl mit, lässt Schildchen einsortieren, macht Vergangenheit zum Spiel mit Maßstab. Er sagt, dass ihn besonders die Altersgruppe reizt, die sonst eher selten eine Kirche freiwillig betritt: „Ich würde mir noch mehr Teenager wünschen.“ Nicht als Pflichttermin, sondern als Einladung, sich löchern und fragen zu lassen – bis zu dem Punkt, an dem auch er sagen muss: Jetzt weiß ich’s nicht.

„Was wir selber nicht machen, das macht kein anderer für uns.”

Manchmal wird aus dem Kirchenraum eine kleine Bühne. Dann schlüpft Ingolf Liesegang in die Rolle des Bauhüttenmeisters: Er kleidet sich historisch, setzt ein altes Monokel auf und greift dann doch zur normalen Brille, um zu sehen, wen er vor sich hat. Pädagogik mit Augenzwinkern – und zugleich mit ernsthafter Begeisterung, die Kinder sofort spüren.

Sein Wissen wächst dabei nicht nur aus dicken Büchern, sondern aus Besucherfragen: Warum ist die Sonnenuhr an der Kirchenmauer etwas schräg versetzt? Warum steht in dieser evangelischen Kirche eine jüdische Menora? Was sind das für komische Kratzspuren an den Wänden? 

Solche Fragen zwingen ihn, nachzulesen. Zu Hause wird recherchiert, um das Wissen im nächsten Gespräch weitergeben zu können. Daraus sind sogar kleine Handreichungen entstanden: ein Heftchen für Kinder, ein Stationsbetrieb für Jugendliche, ein Heft zur Sonnenuhr, eines zur Menora, eines über die geheimnisvollen Schabekerben im Sandstein. Gedruckt werden sie von der Gemeinde, geboren werden sie aus Neugier, Begeisterung, Ausdauer.

Auch Ausstellungen sind für ihn kein Zusatzprogramm, sondern Motor. In den letzten Jahren wurden Holzplastiken und Tonfiguren gezeigt, Arbeiten von Ernst Barlach und solche der Halberstädter Glaskünstlerfamilie Losert. „Da muss man sich informieren. Das empfinde ich als Bereicherung“, sagt er. 

Im vergangenen Jahr präsentierte er in einer eigenen kleinen Ausstellung 14 Bibeln aus verschiedenen Epochen. Und dann ist da noch sein selbstgebauter „Stammbaum vom Abraham“, der auf die gemeinsame Entstehungsgeschichte von Judentum, Christentum und Islam verweist. Eine Einladung, in den Religionen nicht trennende Kriegsgründe, sondern den Ursprung gemeinsamer Geschichte zu sehen. 

Wer so spricht, erzählt am Ende nicht nur von Kirche, sondern von Gegenwart. Das zeigte sich auch bei einer Aktion, bei der Besucher eigene Gedanken als eine Art Thesenanschlag formulieren konnten. Nach zwei Wochen gab es rund 250 Botschaften: ein Seismograf dessen, was die Menschen gerade bewegt. Frieden, Krisenangst, das Bedürfnis nach einem Ort, an dem es still genug ist.

Liebfrauen ist dabei nicht sein einziges Feld. Im Sommer macht Ingolf Liesegang auch Aufsicht in St. Johannes, der Fachwerkkirche – an wenigen Sonnabenden, aber mit viel historischem Gewicht. Gemeinsam mit seiner Frau ist er auch als Lesepate unterwegs. Dort geht es um Kinder, die oft mehr erlebt haben, als man ihnen ansieht – und um deren Lesefertigkeiten. 

Der rote Faden seines Tuns ist ein einfacher Gedanke: Türen öffnen und offenhalten. Die einer Kirche. Die eines Gesprächs. Und manchmal auch die zur Geschichte, damit sie nicht abstrakt bleibt, sondern einen Platz im Heute bekommt. Wenn Ingolf Liesegang mittwochs den Schlüssel dreht, macht er deshalb mehr als einen Raum auf. Er macht Halberstadt ein Stück zugänglicher.