Martini - das optimistische Halberstadt-Magazin

„Der Kopf will mehr“

Mit 84 Jahren leitet die Halberstädterin Doris Bartl noch immer sechs Sportgruppen. Schmerzen, Operationen und ein Körper, der nicht mehr alles mitmacht, halten sie nicht auf. Ihr Lebensmotto: in Bewegung bleiben, weitermachen und sich nicht unterkriegen lassen.

 

„Ich will nicht aufhören mit dem, was ich tue. Dass ich mich unterkriegen lasse, kommt einfach nicht in Frage. Ja, das Knie schmerzt, eine chronisch-entzündliche Gelenkerkrankung macht mir seit zwei Jahren zu schaffen, und die Augen müssen operiert werden. Aber trotzdem bewege ich mich, so oft ich kann. Ich kann mir ein Leben ohne meine Sportgruppen gar nicht mehr vorstellen. Ich bin jetzt 84 und leite immer noch sechs Gruppen. Die Frauen verlassen sich auf mich. Ich will sie und mich selber nicht enttäuschen.

Mit dem Sport habe ich schon in der Schule angefangen. Als Mädchen war ich Geräteturnerin, gewann Medaillen und hatte immer den Wunsch, Sport zu studieren. Auch wenn sich dieser Weg nie ergeben hat, ist der Sport nie aus meinem Leben verschwunden.
Geboren wurde ich 1942 in Halberstadt, aber meine Kindheit habe ich in Dingelstedt verbracht. Die Nachkriegszeit hat meine Kindheit geprägt. Wir hatten nicht viel, aber man lernte, mit dem auszukommen, was da war. Sparsamkeit und Pflichtbewusstsein wurden mir mitgegeben. 

Mein Leben war nicht immer leicht. An meinen Vater habe ich kaum Erinnerungen, er fiel 1945 im Krieg. Später heiratete meine Mutter erneut. 1960 verließen meine Mutter und mein Stiefvater mit unserer jüngsten Schwester die DDR. Meine ältere Schwester und mich ließen sie zurück. Ich war 18, hatte gerade meine Ausbildung bei der Post gemacht, und meine Schwester war 20 Jahre alt, als wir plötzlich allein zurechtkommen mussten.

Ob ich eher wütend auf meine Mutter oder eher traurig war, kann ich gar nicht mehr sagen. Ich habe das verdrängt. Wir mussten es hinnehmen und sehen, wie wir über die Runden kommen. Weil die Eltern Republikflucht begangen hatten, wollte die Gemeinde uns das Haus wegnehmen. Aber meine Schwester hatte eine Idee, wie wir es behalten konnten: Ich musste so schnell wie möglich heiraten. Einen Mann hatte sie auch schon im Auge: Ewald, ein Unteroffizier der NVA, der in Mönchhai stationiert war.

Ich kannte ihn, fand ihn nett, aber ich war nicht in ihn verliebt. Ich hatte damals sowieso nur meinen Sport im Kopf. Weil mir die Sache mit dem Haus sinnvoll erschien, sagte ich. Sie hatte das Aufgebot schon bestellt. Wir hatten uns ja noch nicht mal geküsst, als wir uns im August 1960 verlobten und einen Tag später heirateten.

Wir waren also schon ein Ehepaar, als wir einander richtig kennenlernten und näher kamen. Heute ist das undenkbar. Aber es hat funktioniert. Die Liebe kam mit der Zeit. Wir waren 54 Jahre miteinander verheiratet. Wir gehörten zusammen und haben uns am Ende wirklich blind verstanden. Als er an Krebs erkrankte und starb, war das ein großer Einschnitt für mich.

Damals, im Jahr unserer Hochzeit, lag mein Leben noch vor mir. Ich verschob das Sportstudium, weil wir erstmal eine Familie gründen wollten. Dass nie mehr etwas daraus werden würde, ahnte ich damals nicht. Erst kam Frank zur Welt, dann Thomas. Weil mein Mann viel unterwegs war, hatte ich lange und anstrengende Tage. Früh morgens die Jungs in den Kindergarten und die Krippe bringen, einkaufen, arbeiten, die Wohnung heizen, kochen. Das habe ich alles geschafft. 

Meine Arbeit war mir immer sehr wichtig, und wir hatten als Familie zu DDR-Zeiten ein gutes Leben. Ich habe 30 Jahre bei Robotron gearbeitet, anfangs hieß unser Betrieb noch Feinmechanik Uhren, zwischenzeitlich dann VEB Zentronik. Wir haben elektronische Rechenmaschinen gebaut, die Vorläufer der Computer. Ich war Brigadier, Einrichter und dann bis zur Wende Vorsitzende der Betriebsgewerkschaftsleitung. Heute redet ja keiner mehr drüber, aber ja, ich war in der SED.  Ehrenamtlich war ich Abgeordnete der Stadtverordnetenversammlung, zuständig für Jugendfragen, Volksbildung und Sport. Das passte.
 

„8000 Schritte am Tag sind machbar. Ich hoffe, das sehen meine Knie auch so.“

Als 1990 viele Menschen ihre Arbeit verloren, hatte ich Glück und konnte weitermachen. Auf unserem Betriebsgelände entstand ein Werk des Medizintechnik-Konzerns Cardinal Health. Ich leitete dort die Fertigung von EKG- und EEG-Elektroden für Kinder.

Als ich 2004 in Rente ging, hatte ich dann endlich genug Zeit, mich wieder stärker um den Sport  zu kümmern. Mit 64 Jahren habe ich einen Lehrgang belegt und meine Übungsleiterlizenz C erworben. Manche denken vielleicht: In diesem Alter fängt man doch nichts Neues mehr an. Aber für mich war es genau richtig.

Natürlich merke ich, dass der Körper nicht mehr alles so mitmacht wie früher. Das ärgert mich, aber ich möchte alles dafür tun, so lange wie möglich fit zu bleiben. Durch die Arbeit als Übungsleiterin komme ich automatisch mit Menschen zusammen, und auch im Seniorenarbeitskreis der IG Metall bin ich aktiv. Gerade im Alter ist es wichtig, nicht allein zu sein. Es ist gut für mich, eine Aufgabe zu haben. Morgens aufzustehen und in den Tag hineinzutrödeln,  das ist nichts für mich. Das erlaube ich mir höchstens mal am Wochenende.

Gerade ist es so, dass mein Kopf noch mehr will, als der Körper kann. Damit muss ich erstmal klarkommen. Aber ich bin dankbar für das, was möglich ist. Ich freue mich über meine Familie, über meine Kinder, acht Enkel und vier Urenkel. Wenn wir feiern, sind wir eine richtig große Runde. Damit ich das alles noch möglichst lange erleben kann, bleibe ich in Bewegung. 8000 Schritte am Tag sind machbar. Ich hoffe, das sehen meine Knie auch so.“

Notiert von Dana Toschner.