Sarina und Christian Voigt lieben und sammeln das Gute von gestern – kleine Alltagsdinge, die unsere (Ur-)Großeltern nur zu besonderen Anlässen aus den Vitrinen holten. Damit diese schönen Stücke nicht in Vergessenheit geraten und ihren Weg zu neuen Besitzern finden, gehen sie mit ihrem Trödellädchen in der Altstadt neue Wege. Hier gibt’s Fundstücke fürs Herz.
Von Jörg Loose
Die engste Stelle der Bakenstraße kennt jeder Halberstädter. An der Hausnummer 60 verbietet sich Halten oder Parken, Autos fahren im Schneckentempo aneinander vorbei. Heute geht es hier noch enger zu – und das aus gutem Grund. Den schmalen Fußweg säumen tönerne Vorratstöpfe, Keramiken, Flaschen und Gläser. Das meiste aus Omas Zeit. Zwei große Schaufenster flankieren eine Tür und locken mit Kristall und Porzellan ins Ladeninnere. Im Verkaufsraum, der an eine Puppenstube erinnert, kann jeder in Ruhe und nach Herzenslust stöbern. Allerdings sollte man die eigenen Kindheitserinnerungen im Zaum halten, denn die kommen zwischen mundgeblasenen Vasen, handgeschliffenen Weinkelchen oder in feinster Handarbeit bemalten Kaffeetassen unweigerlich auf.
Dieser kleine Laden ist anders, weil er weit mehr als materielle Bedürfnisse bedient. Sein Angebot, vorwiegend kleinteilige Objekte wie Gläser und Porzellan von Antik, Retro über Jugendstil bis in die 60er Jahre, verführt nicht nur die Sinne, es ist ein Wegweiser in die eigene Vergangenheit. Und noch etwas fällt auf: Kein Verkaufstresen, keine elektronische Kasse, keine Verkäuferin. Auch das ermöglicht ein Stöber-Erlebnis, das rasch zu einer kleinen Tour durch die jüngere Kulturgeschichte des Alltags wird. Einzig eine Kassenbox mit Geldeinwurf und kleine Preisschilder an den Objekten belegen die Käuflichkeit der kleinen Schätze. Die Erinnerungen freilich sind umsonst.
Betrieben wird der kleine Trödelladen von Sarina und Christian Voigt. Mit der Firma Voigt Dienstleistungen übernehmen sie seit vielen Jahren Umzüge, Haushaltsauflösungen und handeln mit Antiquitäten. Christian Voigt, ein vielseitiger, umtriebiger Mittvierziger, ist gelernter Kommunikationselektroniker. Während seiner zehnjährigen Bundeswehrzeit absolvierte er eine Ausbildung zum Tischler. So konnte er seine Leidenschaft für Fachwerkhäuser – und zunehmend für das in ihnen stehende Mobiliar – ausleben. 2008 eröffnete er am Grudenberg einen Antiquitätenladen und lieferte bis zum Brexit kunstvoll aufbereitete Vintage-Möbel vorwiegend nach Großbritannien. Heute bestimmen Umzüge und Haushaltsauflösungen den Firmenalltag. Der Onlinehandel mit Antiquitäten und restaurierten oder nach Kundenwunsch aufgearbeiteten historischen Möbeln ist ein angenehmer Nebeneffekt.
Zudem restaurieren und vermieten die Voigts Fachwerkhäuser. So auch das Objekt Bakenstraße 60. „Als wir das Haus gekauft haben, wurde der Laden als Wohnung genutzt, die großen Schaufenster waren zugeklebt. Das ist schade, denn jedes unbelebte Ladenlokal in der Altstadt wirkt auf mich, wie eine verpasst Chance auf Lebendigkeit“, sagt Christian Voigt. Für ihn und seine Frau war klar, das Erdgeschoss soll werden, was es einst war: Ein Laden, in dem das Leben pulsiert. Doch was genau kann man hier verkaufen?
Das eigentliche berufliche Zentrum der Voigts liegt Hinter der Bleiche in einem riesigen ehemaligen Getreidespeicher. Hier werden Antiquitäten und Möbel gelagert und von Mitarbeitern aufbereitet. „Bei unseren Haushaltsauflösungen und Umzügen stoßen wir immer wieder auf kleine, wunderschöne Objekte, die aber für Antiquitäten zu jung und für den Gebrauchtwarenhandel zu alt waren. Vieles ist Handarbeit, es wegzuschmeißen kam für uns nicht infrage“, sagt Sarina Voigt, die seit acht Jahren in der Firma dabei ist. Über die Jahre entstand eine beträchtliche Sammlung. „Wir spielten schon mit dem Gedanken, selbst auf Flohmärkten aktiv zu werden“, fährt die gelernte Hotelfachfrau fort. Aber das ist ein zeitaufwändiges Geschäft und so gaben sie manchmal schweren Herzens die Objekte kistenweise an Flohmarkt-Händler ab.
Jetzt greifen beide einen Trend auf, der in Dorfstraßen und Hofläden funktioniert: Sie arbeiten ohne Personal – mit einer Kasse des Vertrauens. Die Idee ist ihnen sympathisch, zeigt sie doch ein Grundvertrauen in die Ehrlichkeit, den Glauben an das Gute im Menschen. „Ich weiß, dass manche den Kopf schütteln. Aber Misstrauen macht die Welt auch nicht besser. Wir wollen es versuchen“, sind sich beide einig. „Nur wenn wir auf Verkaufspersonal verzichten, können wir die kleinen Schätze zu attraktiven Preisen anbieten.“
Rechtzeitig zu den diesjährigen Sommerhöfen öffnete der Laden erstmals seine Türen um das Selbstbedienungskonzept zu testen und zu erklären. „Die Reaktionen waren herzlich und voller Interesse – so wie wir es erhofft hatten. Deshalb lädt der kleine Laden seit einigen Wochen von Montag bis Samstag zwischen 9 und 19 Uhr zum Stöbern ein“, freut sich die geborene Thüringerin. Da sie ohnehin täglich für die Firma unterwegs ist, kann sie problemlos die Tür des kleinen Geschäfts in der Bakenstraße auf- oder zuschließen, das Angebot ergänzen und ab und an nach dem Rechten sehen.
Da sie nicht vom Ertrag des kleinen Laden leben müssen, betrachten sie ihn als Herzensprojekt und als ein Zeichen gegen den Zeitgeist der Wegwerfgesellschaft. Gleichzeitig hoffen die Voigts auf ein wachsendes Bewusstsein nicht nur für die Schönheit der kleinen alltäglichen Dinge, sondern auch für handwerkliche Meisterschaft und Qualität, die sich in ihnen spiegelt. „Die heute oft beschworene Nachhaltigkeit fängt doch schlicht und einfach mit handwerklicher Qualität an“, ist sich Christian Voigt sicher. Und so bleibt der kleine Laden von Ramsch verschont und bietet kleine Schätze für kleines Geld.
Die schmalste Stelle der Bakenstraße ist nun wieder mit Leben erfüllt – aber die Autos fahren noch langsamer. Neugierige Blicke wandern über die Auslagen, bleiben an einer glitzernden Schale hängen oder an der Teekanne, die Erinnerungen an Omas Plätzchen-Backkünste weckt.
Geöffnet ist das Trödellädchen in der Bakenstraße 60 Montag bis Samstag jeweils zwischen 9 und 19 Uhr. Aktuelle Infos gibt’s auf Instagram unter vintagemagazine.hbs