Die Halberstädterin Katharina Koch hat in ihren 80 Jahren viel erlebt und immer wieder neue Wege eingeschlagen. Heute blickt sie dankbar zurück – und trotzdem lieber nach vorn. Denn auch im Alter, sagt sie, brauche das Leben Leuchtpunkte.
„Als ich 1946 in Rumänien zur Welt kam, durchlebte meine Mutti eine schwere Zeit. Sie hatte in ihrer Geburtsstadt Berlin einen Rumänen kennengelernt und war mit ihm in seine Heimat gegangen. Alles an Hab und Gut hatten sie und ihre Familie verloren, als Berlin bombardiert wurde. Mein Vater entpuppte sich als Hallodri und behandelte meine Mutti schlecht, genau wie seine Familie. Die beiden bekamen noch ein Mädchen, aber meine Schwester starb mit eineinhalb Jahren an einer Hirnhautentzündung.
Meine Mutti schaffte es, mit mir zu fliehen, als ich fünf Jahre alt war. Wir kamen bei den Großeltern in Quedlinburg unter und wohnten erstmal in einer kleinen Dachkammer, bis wir eine eigene Wohnung bekamen.
Von da an blieb meine Mutti mit mir allein. Sie war eine tolle, humorvolle Frau, der man ihre Berliner Herkunft anhörte. Sie brachte mir bei, nicht zu stehlen, nicht zu lügen und hilfsbereit zu sein. In jungen Jahren träumte sie davon, Schauspielerin zu werden, aber der Krieg durchkreuzte ihre Lebenspläne und Träume. Als gelernte Kontoristin entschied sie sich, als Behördenangestellte bei der Grenzpolizei hier in Halberstadt anzufangen. Weil sie dort unregelmäßige Arbeitszeiten hatte und auf Abruf bereitstehen musste, gab sie mich in ein Kinderheim in Quedlinburg.
Die 80-jährige Katharina Koch ist ein Organisationstalent: Seit 13 Jahren leitet sie den Gesundheits-Sportverein Halber-
stadt e.V. Foto: Dana Toschner / Ideengut
Das klingt nach einer traurigen Geschichte, aber so traurig war es gar nicht. Ich habe diese Entscheidung nicht hinterfragt, sondern hingenommen. Erleichtert war ich allerdings, als ich ins Kinderheim Klus nach Halberstadt umziehen konnte. Dort hatte ich eine schöne Zeit.
Ruth Loose, die das Heim leitete, war großartig, wie alle Angestellten des Hauses. Wir durften Mutti Ruth zu ihr sagen. Wir Kinder tanzten, sangen im Chor, studierten Theaterstücke ein, ich bekam Klavierunterricht bei Herta Rennebaum und tanzte im Kinderballett des Theaters unter den Fittichen der Ballettmeisterin Ellen Huppers. Einige Jungen sangen sogar im Prätoriuschor und waren sehr stolz darauf. Wenn die Hausaufgaben erledigt waren, stromerten wir durch die Klusberge. Zu besonderen Anlässen wurden Programme einstudiert, um die Halberstädter zu erfreuen.
Noch heute treffe ich mich mit ehemaligen Heimkindern. Wir haben einen Gedenkplatz in der Plantage organisiert und dort einen Lindenbaum gepflanzt. Ein Gedenkstein erinnert an Mutti Ruth. Wenn wir uns sehen, singen wir am Gedenkstein in der Plantage ein Lied für sie.
Mit 13 Jahren verließ ich das Kinderheim und wohnte mit meiner Mutti in einer schönen Wohnung in der Oberstadt. An der Dom- und Ratsschule, dem heutigen Martineum, wollte ich Abitur machen, aber daraus wurde nichts. Ich hatte Gerd kennengelernt, wurde bald schwanger und bekam unsere Tochter Elvira – mein eigenes kleines Abitur, wie ich gern sage. Mit Gerd bin ich bis heute verheiratet, demnächst feiern wir den 61. Hochzeitstag. Ja, mein Gerd kam, sah und siegte.
Dass ich kein Abi hatte und somit kein Studium aufnahm, hatte durchaus auch eine gute Seite. So musste ich nämlich meine Mutti nicht allein lassen. Wir waren sehr eng miteinander. Wir lebten gemeinsam 35 Jahre auf einer Etage in einem Mietshaus in der Friedenstraße.
Mein Mann war Heizungsmonteur und ein emsiger Arbeiter. Ich habe im selben Betrieb, der PGH Ausbau Nordharz, Industriekauffrau gelernt. Aufregend wurde unser Leben, als wir 1970 für drei Jahre in die Republik Guinea entsandt wurden. Gerd war vorerst contra, aber ich konnte ihn überreden. In der DDR nannte man diese Einsätze ,Brigade der Freundschaft’: Die Freie Deutsche Jugend (FDJ) entsandte junge Leute als Ausbilder für Schlosser, Tischler und Elektriker. Wir lernten dafür Französisch. Gerd bildete in Guinea Schlosser aus, ich war für Finanzen und Material zuständig, und Elvira wurde dort eingeschult. Die Erfahrungen haben mich geprägt. Ich habe ein Leben in Armut gesehen und gleichzeitig die Genügsamkeit der Menschen kennengelernt.
„Bald saßen wir im Arbeitsamt, wie so viele Menschen. Das Wort ,Regimetreue’ verfolgte uns.“
Als wir von unserem Guinea-Einsatz zurückkamen, habe ich beschlossen, nicht mehr in einem Büro zu arbeiten. Ich entschied mich, noch einmal zu lernen und nahm ein Fernstudium auf. Einige Jahre war ich dann Pionierleiterin und Unterstufenlehrerin an der Marx-Engels-Schule.
1986 ergab sich die Chance, nochmal im Ausland zu arbeiten. Dieses Mal ging es nach Kambodscha an die Botschaft in Phnom Penh. Auch hier konnten wir uns auf Französisch verständigen. Mein Mann war Objektverwalter und Fuhrparkleiter, ich Verwaltungsleiterin.
Danach ging es kurzfristig im Frühjahr 1990 nach Manila an die Botschaft auf den Philippinen, nach einem kurzen, aber sehr intensiven Sprachkurs für Englisch. Unsere Aufgabe bestand darin, die Botschaft der DDR in Manila aufzulösen. Die politische Wende erforderte das.
Bald darauf saßen wir beide im Arbeitsamt in Halberstadt, wie so viele Menschen. Das Wort ,Regimetreue’ verfolgte uns. Ja, ich war in der SED, ich war Pionierleiterin, und ich wollte mich da auch gar nicht für schämen. Warum auch? Ich wollte nun mit dem, was ich gut konnte, bei der Lösung so vieler neuer Aufgaben in unserer Stadt helfen – auf sprachlichem Gebiet zum Beispiel. Den Bedarf gab es, aber die ,Regimetreue’ stand im Wege. Das relativierte sich bald, Gott sei dank.
Man schickte mich zu einem Computer-Lehrgang. Nach einer Fortbildung konnte ich als Sozialarbeiterin arbeiten: Das Diakonische Werk unterhielt damals in Hessen einen Jugendclub für Kinder aus Spätaussiedler-Familien. Ich hatte zunächst eine ABM-Stelle, dann eine Festanstellung, was mich sehr glücklich machte. Später habe ich in verschiedenen Beratungsstellen für Migranten gearbeitet und die Freiwilligen-Agentur in Halberstadt mit aufgebaut. Ich kann sagen, dass das meine schönsten Berufsjahre waren, an die ich oft und gern zurückdenke. Das Leben ist ein ständiger Lernprozess.
„Die Familie ist das Herzstück meines Lebens, der Sechser im Lebenslotto.“
Inzwischen bin ich längst Rentnerin und engagiere mich seit 13 Jahren als Vorsitzende des Gesundheits-Sportvereins Halberstadt. Es ist ein Seniorenverein mit dem Leitspruch „Fit durchs Alter“, bezogen auf Körper und Geist. Ich organisiere, halte die Strippen zusammen. Wir sind 115 Mitglieder.
Ich mache das, weil ich finde, dass niemand einsam sein sollte im Alter. Der Lebensalltag muss Leuchtpunkte haben, auf die man sich freut. Auf meine Mitstreiter kann ich mich voll verlassen. Es ist all die Jahre ein freudvolles Miteinander gewesen.
Mein Gerd hat mich immer sehr unterstützt. Wäre ich jünger, würde ich weiter machen. Aber nun will ich die Aufgabe in jüngere Hände legen und bin auf der Suche nach jemandem, der den Vorsitz übernimmt. Meine Kraft lässt nach, das spüre ich. Ich möchte das innere Hetzen loswerden und mehr Zeit für meinen Mann haben, der meine Hilfe braucht.
Die Familie ist das Herzstück meines Lebens, der Sechser im Lebenslotto. Für mich gibt es nichts Schöneres, als unsere Enkelsöhne zu beobachten, wie liebevoll sie als Väter mit ihren kleinen Töchtern umgehen.
Nach 80 Lebensjahren kann ich sagen: Es gibt wenig Grund zu trauern und zu meckern und viele Gründe, zufrieden und dankbar zu sein. Die Vergangenheit ins Heute mitzunehmen ist mir gut gelungen. Einen Freundeskreis zu haben über Jahrzehnte, die Kinderheimtreffen und die jährlichen Klassentreffen zählen zum Inhalt meiner großen Lebensschatzkiste.
Viel Gedanken mache ich mir über die aktuellen Probleme, die wir alle gemeinsam durchleben – im großen Weltgeschehen und in Deutschland. Meine Mutti wäre sehr traurig. Ich halte es mit John Lennon und seinem Lied ‚Imagine‘ – und glaube daran, dass das Gute siegt.“