Martini - das optimistische Halberstadt-Magazin

Am Anfang war der Zweifel

Mehr als 30 Jahre war Dr. Holger Handel Kinderarzt in Halberstadt. Doch sein Leben 
erzählt weit mehr als eine Arztbiografie: von der friedlichen Revolution, vom Weg des Atheisten zum Christen, von gesellschaftlichem Engagement und der Kraft des Zweifels. Eine Begegnung mit einem Mann, der Gewissheiten immer wieder hinterfragt – 
und gerade deshalb handelt.


Es gibt Sätze, die sagt man nicht leichtfertig. Holger und Beate Handel sagten einen solchen Satz trotzdem. Herbst 1989, die Lage in der DDR ist angespannt, der Ausgang der Proteste, in die beide eingebunden sind, völlig offen. Bevor sie zu einem Treffen mit Gleichgesinnten des Neuen Forums gehen, bitten sie Beates Mutter: „Wenn wir nicht wiederkommen, kümmere dich um die Kinder!“

Heute erzählt Holger Handel davon fast beiläufig. Natürlich hätten sie Angst gehabt. „Wir haben die Angst nicht überwunden. Aber wir lernten, sie beiseitezustellen und trotzdem zu handeln.“ Was bringt Menschen dazu, Angst und Zweifel nicht als Schwäche zu empfinden, sondern als Aufforderung, genauer hinzusehen – und das Notwendige zu tun, auch wenn drastische persönliche Konsequenzen drohen?

Holger Handel kommt 1952 in Stendal zur Welt. Der Vater ist Schlosser und Feinmechaniker, die Mutter Schreibkraft. Mit zehn Jahren steht für ihn erstaunlich früh fest: Er will Arzt werden. Nach dem Abitur folgen anderthalb Jahre NVA und das Medizinstudium in Magdeburg. Dort lernt er Beate kennen, Tochter des Arztes Dr. Martin Fiedler, den in Halberstadt so ziemlich jeder kannte.

1973 sieht Handel Halberstadt zum ersten Mal. Die Erinnerung daran ist sehr konkret: Halberstädter Würstchen am Bahnhof – und eine von Krieg und Vernachlässigung gezeichnete Stadt. Trotzdem hat er sofort das Gefühl: „Diese Stadt ist besonders.“

Zunächst jedoch bleibt Magdeburg ihr Lebensmittelpunkt. Insgesamt 14 Jahre studiert, lebt und arbeitet Holger Handel dort. An der damaligen Kinderklinik der Medizinischen Akademie sammelt er Erfahrungen, betreut die genetische Sprechstunde und leitet zuletzt die Kinderradiologie. Als Beate und Holger Handel 1986 nach Halberstadt ziehen, arbeitet sie als Orthopädin, er wird Oberarzt an der Kinderklinik. Holger Handel ist in Halberstadt angekommen, aber zum Halberstädter wird er vor allem durch die Menschen, denen er hier begegnet.
 

Da ist die „Pfeffermühle“, jene kleine Künstlerkolonie, in der unter anderem Bärbel Herre, Hans-Hermann Richter und Ute Scheffler leben und arbeiten. Da sind kirchliche Kreise, Menschen wie Pfarrer Martin Gabriel, dessen Sohn Matthias, seine damalige Frau Ute und besonders Johann-Peter Hinz, der eine prägende Persönlichkeit des Neuen Forums in Halberstadt werden sollte.

„Die Gespräche, Diskussionen und kritischen Auseinandersetzungen in diesem Umfeld haben mich geprägt. Sie ließen mich zweifeln, erschütterten alte Gewissheiten und öffneten neue Horizonte“, sagt Handel. Das gilt auch für etwas so Grundsätzliches wie seinen Glauben. Denn Handel wuchs atheistisch auf. Durch seine Frau Beate, ihre Familie und vor allem Martin Gabriel kommt er mit christlichem Denken in Berührung. Handel gibt zu Protokoll: „Ich bin durch und durch Wissenschaftler und Arzt. Aber irgendwann habe ich begriffen, dass es weitere Ebenen gibt – den Glauben etwa.“ Doch auch hier gehört für ihn der Zweifel dazu. Wissenschaft und Religion schließen sich für ihn nicht aus. „Misstrauisch werde ich dort, wo Menschen überhaupt keine Zweifel mehr kennen.“

Zweifel begleiten ihn früh. Als Jugendlicher ist er überzeugter Sozialist. Dann marschieren 1968 Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei ein. Für den 16-Jährigen ist das ein Schock. Die Ausbürgerung Wolf Biermanns verstärkt die Distanz zum Staat. 1983 soll Handel Reserveoffizier im Sanitätsdienst werden. Er lehnt ab – wohl wissend, dass eine größere berufliche Karriere damit kaum noch möglich sein würde. Wichtiger ist ihm, der eigenen Überzeugung treu zu bleiben.

Die Zweifel am Staat, an dessen Versprechen, an der täglich spürbaren Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit führen zunehmend zu innerer Distanz. Als an der Liebfrauen- und Martinikirche Friedenskreise gegründet werden, ist auch er dabei. Aus Distanz wird Widerspruch, aus Gesprächen wird Engagement. Im September folgen schließlich die Gründung des Neuen Forums in Halberstadt, Friedensgebete in der Martinikirche, Demonstrationen – und immer die Frage, wie der Staat reagieren wird.
Handel erzählt auch das auf eine ruhige, unaufgeregte Art. Er sieht sich nicht als mutigen Revolutionär. Er sei einfach seinem Gewissen gefolgt: „Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern das Handeln trotz der Angst.“

„Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern das Handeln trotz der Angst.”

Das Ziel des Neuen Forums war zunächst nicht die deutsche Einheit. Man wollte das Machtmonopol der SED brechen, setzte sich ein für Ideale wie freie Rede, politische Konkurrenz, Reisefreiheit, Demokratie. Dass am Ende binnen weniger Monate ein ganzes politisches System verschwand, hatte auch Handel nicht erwartet.

Nach dem Umbruch beginnt für ihn ein Kapitel, das für viele Halberstädter unmittelbarer mit seinem Namen verbunden ist. 1991 lässt er sich als Arzt mit einer eigenen Praxis nieder. Mit Freunden und Kollegen wird das stark sanierungsbedürftige barocke Haus am Johannesbrunnen 17 zum ersten Ärztehaus in Halberstadt umgestaltet: sechs Praxen und eine Apotheke unter einem Dach. Während ein ganzes Land aus den Fugen gerät und sich neu sortiert, bauen ein paar Halberstädter ganz konkret Neues auf.

Handel eröffnet dort seine Kinderarztpraxis, die bis 2017 sein Arbeitsort bleibt. Generationen von Kindern saßen in seinem Wartezimmer – und mit ihnen vermutlich manches aufgeregte Elternpaar. Handel liebte das, was er tat. „Ich habe den schönsten Beruf der Welt. Aber ich wünsche jedem, dass er das über seinen eigenen Beruf sagen kann.“
 

Aber auch hier genügt ihm die eigene Praxis nicht. Schon 1990 gründet er mit zwei Kollegen den Landesverband Sachsen-Anhalt des Berufsverbandes der Kinderärzte und steht ihm viele Jahre vor. Wieder fühlt sich da einer zuständig – nicht nur für die Patienten vor sich, sondern auch für die Bedingungen, unter denen Kindermedizin stattfindet.

Dieses Gefühl, zuständig zu sein, reicht irgendwann weit über Halberstadt hinaus. Schon immer wollte Handel als Arzt in einem Entwicklungsland arbeiten. Im Jahr 2000 geht er für sechs Wochen mit der Organisation „Ärzte für die Dritte Welt“ (heute German Doctors) nach Mindanao auf den Philippinen. 2007 folgt ein Einsatz in Nicaragua.

Warum? Handel spricht von Dankbarkeit. Ihm und seiner Familie gehe es gut. Davon wolle er etwas zurückgeben. Die Arbeit dort ernüchtert und beeindruckt zugleich. Teilweise unter freiem Himmel werden an einem Tag Hunderte Patienten versorgt. Und doch kann er oft nur lindern, was in Deutschland zu heilen wäre. Das belastet. Aber Handel erinnert dann an einen Satz Albert Schweitzers: „Das wenige, was du tun kannst, ist viel.“
 

In Halberstadt führt er sein politisches Engagement fort. Zunächst sitzt er für die SPD in der Stadtverordnetenversammlung, später im Stadtrat. Als er mit der Politik von Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder nicht mitgehen kann, tritt er aus der Partei aus. Wieder zweifelt er – diesmal an der eigenen politischen Heimat. 2004, nachdem Johann-Peter Hinz schwer erkrankt ist, kandidiert Holger Handel noch einmal – nun für das Neue Forum, das er weitere zehn Jahre im Stadtrat vertritt.

Handel wechselt Institutionen, aber nicht seine Grundhaltung. Gewissenstreue war ihm immer wichtiger als Parteibücher, sagt er.

2017 gibt er seine Praxis mit 65 Jahren ab. Bis zum 72. Lebensjahr arbeitet er noch einige Stunden pro Woche im Gesundheitsamt, macht Schul- und Einschulungsuntersuchungen und hilft während der Corona-Zeit. Heute engagiert er sich in der Liebfrauengemeinde und als Vorsitzender des Kirchbauvereins, gehört dem Förderverein Gleimhaus e. V. an, unterstützt das Theater, geht gern in Vorstellungen und Konzerte.

Und er spielt klassische Gitarre. Schon als Schüler und Student machte er Musik. Musikalisch ist er breit aufgestellt. Handel liebt Händel – doch über allem thront für ihn Johann Sebastian Bach. Auch das gehört zu diesem Mann: Politik und Medizin, Glaube und Wissenschaft, Verantwortung und Genuss.

Heute schaut der 74-Jährige mit Sorge auf den Zustand unserer gesellschaftlichen Verfassung. Vieles müsse reformiert, manches grundsätzlich verändert werden. Doch die Demokratie sei der Raum, in dem um bessere Lösungen gestritten werden müsse. Nur brauche dieser Streit Regeln: Rechtsstaatlichkeit, Weltoffenheit, Kompromissfähigkeit und die Bereitschaft, dem anderen überhaupt zuzuhören.

Und Demokratie braucht Zweifel. „Wo Zweifel verschwinden, fangen Totalitarismus und Fanatismus an.“ Es ist ein Satz, der zu seiner Biografie passt. Holger Handel ist vom überzeugten Sozialisten zum Kritiker der DDR geworden, vom Atheisten zum Christen. Nicht weil ihm Überzeugungen nichts bedeuten, sondern weil er bereit ist, sie immer wieder zu überprüfen. Er versteht Entwicklung als einen stetigen Prozess – mit Gewissen und Verantwortung als Leitplanken.

Holger Handel hat sein Leben lang gezweifelt. Und erstaunlich oft hat ihn gerade das ins Handeln gebracht.“

Text: Jörg Loose