Martini - das optimistische Halberstadt-Magazin

Meta, mach Druck!

Martini 2025

Hannelore Beyer rudert und rudert. Manchmal in den Booten des SC Magdeburg über die Elbe, viel häufiger aber durchs Halberstädter Kulturleben. Die 76-Jährige kennen viele noch als Lehrerin. Heute engagiert sie sich ehrenamtlich in verschiedenen Vereinen – eine nimmermüde Frau mit scheinbar endlosem Antrieb.

 

Von Dana Toschner

In Hannelore Beyers Haus sind Medaillen und Urkunden nichts Ungewöhnliches. Als Ruderin und Läuferin war sie erfolgreich genug, um Gold, Silber und Bronze zu gewinnen. Doch eine Auszeichnung hat mit ihren sportlichen Leistungen nichts zu tun: Die Stadt Halberstadt ehrte sie als „Persönlichkeit des Jahres 2025“. Eine Würdigung, die sie mit Stolz erfüllt. „Dass man mich vorgeschlagen hat und mir das gönnt, war eine sensationelle Überraschung“, sagt sie. Wenn man Hannelore Beyer in einem Wort beschreiben will, dann trifft es „Tausendsassa“ wohl am besten. Sie ist Energiebündel, Netzwerkerin, Multitalent und Powerfrau in Personalunion. „Es kommt vor, dass Leute mich fragen, woher ich die Kraft nehme, überall mitzumischen und mich einzubringen. Ich kann das gar nicht konkret beantworten. Für mich ist es natürlich, in Bewegung zu sein. Ich kann nicht still im Sessel sitzen – oder höchstens mal für ein Stündchen zwischendurch. Dann reicht’s.“

Das ist wohl eine Frage des Naturells. Schon als junges Mädchen war sie nicht für den Müßiggang geschaffen und darauf angewiesen, immer wieder in anderen Umgebungen Kontakte zu knüpfen. Die Eltern zogen von Hadmersleben nach Barby, später nach Schönebeck, dann nach Calbe (Saale) und schließlich nach Halberstadt, als sie gerade das Abitur machte. Der Begriff Heimat sei für sie bis heute mit keinem festen Ort verbunden, erzählt Hannelore Beyer, sondern vielmehr ein Gefühl, was immer dann aufkommt, wenn sie an Erinnerungen anknüpfen kann. „Wenn ich einen Bezug zu einer Stadt oder einer Gegend habe und Erlebnisse damit verbinde, dann fühle ich mich heimisch. Daran ändern auch die Jahre nichts, die vergangen sind.“

Sie sitzt am runden Tisch in ihrem Wohnzimmer, schiebt die Medaillen beiseite und blättert durchs Fotoalbum. Die Bilder zeigen, dass sich ein Heimatort beinahe durch ihr ganzes Leben zieht: Sie ist auf dem Wasser zu Hause. „Mit 14 fragte eine Freundin, ob ich Lust hätte, mit in den Ruderclub zu kommen. Ich war neugierig und bin ihr bis heute dankbar“, sagt sie. „Das Rudern ist mein Metier, in meinen Augen der schönste Sport, den man sich vorstellen kann.“ 

Sie fuhr mit zu Trainingslagern, startete bei Regatten, lernte wie wichtig die Körperhaltung im Boot ist und dass Technik, Timing und Teamarbeit mehr zählen als Kraft. „Man muss aber unbedingt bereit sein, sich anzustrengen“, sagt sie. Ihre größten Erfolge kann sie vermutlich nachts im Schlaf präzise benennen: „Bronze bei den DDR-Meisterschaften 1968 im Vierer mit Steuermann und Gold 2023 für den SCM bei den Landesmeisterschaften Sachsen-Anhalt in Zschornewitz. Da war ich die Älteste im Achter.“

Mehr als sechs Jahrzehnte sind vergangen, seit sie sich das erste Mal ins Boot setzte, und noch immer lässt sie der Sport nicht los. „Wenn es passt, fahre ich nach Magdeburg. Dienstags und donnerstags treffen sich meine Ruderfreunde, und sie haben für mich immer einen Rollsitz frei. Das An- und Abrudern zu Beginn und Ende einer Saison ist ohnehin für mich Pflicht.“

Es sind beständige Freundschaften entstanden, und auch ihren Mann Reinhard hat sie einst durch diesen Sport kennengelernt. Heute paddelt sie mit ihm allerdings eher im Genusstempo und ohne sportliche Ambitionen über mecklenburgische Seen. „Das Alter macht sich eben doch langsam bemerkbar, er ist körperlich nicht mehr so fit.“ Auch sie selbst muss Abstriche machen: Die Arthrose im Knie verhagelt die Freude am Laufen. „Bis vor zwei Jahren war ich mit meiner Freundin regelmäßig in den Spiegelsbergen joggen. Das fehlt mir sehr.“ Auch den Huy-Burgen-Lauf, bei dem sie traditionell mit ihrer Frauenstaffel „Laufhexen“ startete, verfolgt sie inzwischen schweren Herzens als Zuschauerin oder als helfende Hand im Orga-Team.

Eher Kopf- als Beinarbeit ist ihr Engagement in der Jury des Gleimhaus-Literaturwettbewerbs für Schüler. Als ehemalige Deutschlehrerin interessiert sie, was die junge Generation bewegt – und wie sie das zu Papier bringt. „Mit der Jugend im Austausch zu bleiben, das war mir schon immer wichtig“, sagt sie und erzählt, wie viele Stücke sie mit den Schülerinnen und Schülern der Theatergruppe am Käthe-Kollwitz-Gymnasium auf die Bühne gebracht hat. „Zu vielen habe ich noch Kontakt und verfolge ihre Lebenswege.“ 

In ihrem eigenen Berufsleben war die politische Wende ein gravierender Einschnitt. Für die Fächer Deutsch und Geschichte gab es nicht nur neue Lehrpläne, sondern eine völlig veränderte Sicht auf die Welt, die Gesellschaft, die Zusammenhänge. Einerseits freute sie sich über die Chancen für den Unterricht und über so viel Literatur, die plötzlich zugänglich war. Andererseits gesteht sie, dass die Zeit Anfang der 1990er Jahre herausfordernd war – auch weil sie nun eigene Überzeugungen hinterfragte. „Ich musste mich in so vieles neu einarbeiten. Das war fast wie ein zweites Studium.“

Mit 63 ging sie in den Ruhestand, doch an Ruhe war sie damals so wenig interessiert wie heute. „Mich treibt es seither von einem Projekt zum nächsten. Irgendwie kommt immer von selbst etwas Neues auf mich zu. Ich umgebe mich gern mit aktiven Leuten und versuche, andere mitzureißen“, beschreibt sie ihren Antrieb. Dass es Menschen gibt, die behaupten, in dieser Stadt sei nichts los, könne sie nicht nachvollziehen. „Es ist doch eher so, dass man sich manchmal gern zweiteilen würde, um an mehreren Orten gleichzeitig sein zu können.“ 

Mit voller Begeisterung arbeitet sie im Theaterförderverein mit, schmiert Schnittchen, legt Käse ein, setzt Bowle an, tüftelt vor der Premiere an neuen Cocktails, die zum Stück passen, und betreut gerne auch den Ausschank. „Wir sind eine schöne Truppe“, schwärmt sie. „Alle ziehen mit.“ Dass man auf sie zählen kann, schätzt Dr. Jörgen Kohl, stellvertretender Vorsitzender des Vereins: „Bei allem, was Hannelore tut, spürt man, dass sie mit dem Herzen dabei ist. Ihr Engagement für den Theaterförderverein ist geprägt von einer tiefen Zuneigung zum Theater und dessen Mitarbeitern.“ 

Ihr Lieblingsstück in den zurückliegenden Wochen war „Ich bin dann er“, ein Schauspiel, das die bewegende – und wahre – Geschichte der Catharina Margaretha Linck erzählt, die 1721 in Halberstadt wegen „Unzucht mit einem Weybe“ hingerichtet wurde. Während Hannelore Beyers Mann im Bürgerchor auf der Bühne in der Martinikirche zu sehen ist, schlüpft sie zusammen mit den anderen Mitstreitern aus dem Theaterförderverein in historische Kostüme, um für das Catering zu sorgen. „Das Publikum weiß das zu schätzen. Wenn du die Dankbarkeit erlebst, die dir die Leute entgegenbringen, hast du automatisch Freude daran.“

Die vielen Hochzeiten, auf denen sie tanzt, sind ihr Elixier – Kraftquelle, Inspiration und Seelennahrung zugleich. „Andere in meinem Alter kümmern sich um ihre Enkel, aber unsere Töchter leben mit ihren Familien beide weit weg. Da ist es doch schön und sinnvoll, dass ich meine Zeit in die Ehrenämter investiere.“ Dass ihr einmal die Energie ausgehen könnte, glaubt sie nicht. Und falls doch, denkt Hannelore Beyer am besten einfach an ihren zweiten Vornamen Meta und die Aufforderung eines Steuermanns, der ihr beim Rudern zurief: „Meta, mach’ Druck!“ Der Satz ist innerhalb der Familie längst ein geflügeltes Wort. Und hiermit jetzt auch ganz öffentlich.